17. Januar 2012 0

Roche & Böhmermann

Von fk in Dufte Typen, Medien

Neben sexueller Inkompetenz und Slacklinen gilt mir das schlechte Fernsehprogramm als Grundübel unserer Zeit. Da erfreut es mein kleines Herz sehr, dass sich einige junge, motivierte Rundfunkjournalisten wie Charlotte Roche (der Pierre Littbarski des Postfeminismus) und Jan Böhmermann (die Kristina Schröder des Ulk) dieses Problems annehmen. Zusammen werden sie eine Talkshow mit dem gewagten Namen “Roche & Böhmermann” moderieren, natürlich auf ZDFKultur, dem Haussender der medialen Intelligenzia. Dabei treffen, so melden es die Szenekenner, eine Reihe illustrer Nasen auf bis in die schönen Haarspitzen motivierte Gastgeber und natürlich aufeinander, im Geiste der Versöhnung und unter Wahrung grundlegender Hygienevorschriften. Das fertige Bewegtbildprodukt kann also nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch ein bisschen versaut und sexy werden. Um sich auch die Gunst der christlichen geprägten Zuschauer zu sichern, und gleichzeitig den ZDF-Verantwortlichen eine unverschämte Rechnung mit dem Betreff “Viral-Kampagne” ausstellen zu können, zeigen die zwei Sympathieträger vorab diese beiden Simultanvideos, welche man unbedingt genau gleichzeitig, parallel, ja: synchron! ablaufen lassen sollte. Wie ausgebufft! Ruft also einen guten Freund heran, auf dass Ihr beide genau gleichzeitig auf Play drückt, und genießt ab dem 4. März in ZDFKultur den Donnerstagabend unter den Talk Shows – kann ganz gemütlich sein, aber auch total ausarten *zwinker*!

8. Januar 2012 3

Einfach küssen!

Von fk in Meinung, Sex

“Ein Mann kann gar nicht zu lange nachdenken, ob er eine Frau “einfach küssen” kann.”

Diese von Julia Seeliger in ihrer Replik “Richtig küssen, Frau Pauer!” aufgestellte These ist vielleicht die gefährlichste, die ich seit langem zum ewig aktuellen Kulturkomplex “Küssen als Form intimer Zärtlichkeit” gelesen habe. Seeliger reagiert damit (neben einer ganzen Reihe anderer Vorwürfe und Berichtigungen) auf Nina Pauers Text “Die Schmerzensmänner”, in dem die Autorin ihre Erfahrungen in einem dubiosen Soziotop männlicher Existenzkrisen beklagt, welches mir so fremd vorkommt wie eine außerirdische Kolonie auf dem Mars, oder besser: Venus. Aber schnell zurück zum Kern der Sache, zu Seeligers Knutsch-Edikt, das sich fortsetzt: “Einfach küssen ohne vorher zu fragen ist reichlich uncool, egal, wer da wen küsst.”

Abgesehen davon, dass viele gute, schöne Beziehungen und Liebschaften aller Art nach dieser Regel nie entstanden wären, weil Menschen, Männer wie Frauen, leider oft nicht die Eier(stöcke) haben, diesen manchmal entscheidenden ersten Schritt zu machen (diese Behauptung lässt sich pseudoempirisch feststellen, indem man im Freundeskreis nach dem Beginn der Beziehung frage und die verliebt-vagen Antworten zähle, wie zum Beispiel: “Hast du mich geküsst oder ich dich, Hase? Seufz, egal. Hauptsache es ist irgendwann endlich passiert…”). Abgesehen davon, dass ein bisschen Wagemut niemals verkehrt sein kann, egal ob es um Küssen, Zivilcourage oder eine bescheuerte, aber belustigende Wette geht, da die Menschheit ohne Risikobereitschaft eine ganz graue wäre: Niedersachsen global quasi. Abgesehen davon, dass in genau dieser angeprangerten Risikobereitschaft ein erstes großes Bekenntnis zum Gegenüber liegen kann, das in der Retrospektive zum ersten Schritt einer langen Reihe an Romantik wird.

Abgesehen von alldem scheint in der Forderung nach maximaler Reflektion jedes geplanten Kusses eine allergische Aversion gegenüber auch nur der vagen Andeutung von “Dominanz” (oder was immer man dem küssenden gegenüber dem geküssten Menschen bescheinigen möchte) durch. “Mir ist es mal passiert, dass mich einer einfach versuchte zu küssen. Daraufhin habe ich “Nein” gesagt, mich schlafen gelegt und die Person danach nie wieder getroffen.” Das ist sehr schade, Frau Seeliger, denn erstens scheinen Sie diese Person primär danach zu beurteilt zu haben, was sie bereit ist zu tun, um Ihnen auf einer nonverbalen Ebene Zuneigung zu zeigen. Und dieser Ebene ist das Risiko einer kurzfristigen Grenzüberschreitung nunmal genauso inklusive wie der mögliche Jackpot der blitzartigen, großen Liebe. Zweitens scheint diese Beurteilung irreversibel gewesen zu sein, was keinem Menschen niemals gerecht werden kann, schon gar nicht auf Grund einer Sekunde der Schwäche (oder Stärke, wie man´s nimmt). Sie setzten damit sicherlich einiges in diesem Menschen in Gang, wohl kaum jedoch den nötigen pädagogischen Bewusstseinswandel zum wertgeschätzten Küsser, den Sie grundsätzlich fordern. Wahrscheinlich grübelt der junge Mann heute noch, ob es an dem Knoblauch oder einfach nur am Timing lag, Frau Seeliger, also klären Sie den Armen bitte nachträglich auf! Und drittens scheinen Sie, parallel zu Frau Pauer, die wohl vornehmlich von komischen Männern (nicht) geküsst wird, auch einen Umgang zu pflegen, der solche (von Ihnen offenbar radikal abgelehnte) “Übergriffe” produziert. Sprich: Wenn Ihr Date nicht die Antennen und die Empathie hat, wann er sie küssen darf, ohne danach auf der schwarzen Liste zu landen, besteht womöglich eher ein Selektions- denn ein Empathie- oder Kommunikationsproblem. Aber genau diese Art von sozialpsychologischer Ferndiagnose plus Abwertung nervt, hat bestimmt auch Frau Pauer an Ihrem und viele Kritikerinnen an Frau Pauers Text genervt, und deswegen stelle ich sie zurück. Sicherer ist: Die kommunikative Arbeit, die einem von beiden Seiten akzeptierten Kuss vorangeht, ist immer eine paritätische, und verdammt, manch blinder Jüngling muss den richtigen Zeitpunkt erst noch lernen (und zwar auf die sanfte Tour, wenn´s nach mir geht, so habe ich das damals auch geschafft!) und manche Mädels sind explizit “heilfroh”, wenn man diesen oder einen anderen ersten Schritt macht (das ist wortwörtlich meine Erfahrung, peitscht mich dafür aus und belegt mich mit abfälligen Fremdworten, ich kann nichts dafür und diese Mädchen wahrscheinlich auch nicht, es war schön mit ihnen, dazu stehe ich!). Und natürlich andersrum, völlig Wurst wer wen zuerst und so weiter, Hauptsache mann/frau versucht etwas, statt ewig zu grübeln! Das hat nichts mit böser Dominanz zu tun, sondern damit, dass der Mensch ein mangelhaftes Wesen ist, unsicher und feige vor allem im Sozialen, Homo Homini Angsthase Est. Und deswegen muss er manchmal eben übers Ziel hinaus schießen, um überhaupt jemals anzukommen.

Sicher, die Geschichte der Menschheit ist leider eine der Unterdrückung, der gewaltsamen Dominanz und der Ungerechtigkeit, nicht nur zwischen Männern und Frauen. Deswegen ist aber nicht alles, was von einer wohlreflektierten und harmonisch miteinander ausbaldowerten Reziprozität abweicht, sei es nur für die törichte Sekunde zweier gespitzter Lippen, die sich den begehrten Gegenstücken in freundlicher Absicht nähern, gleich böse und falsch. Keine Dynamik ohne einen Motor, kein Fortschritt ohne einen, der fortschreitet und einen, der gerne folgt, kein Kuss ohne Herzklopfen, ob man das richtige tut. Kein Erfolg ohne Risiko: Neunundneunzig aller nicht abgefeuerten Schüsse gehen nicht ins Tor, so der Sportphilosoph Wayne Gretzky.

“Was, wenn Mädels das glauben?”, fragte mich Mercedes Lauenstein auf Twitter bezüglich der alarmierenden Männergestalten im Text von Frau Pauer. “Ja, doof sind sie dann, aber Du meine Güte!” möchte ich antworten, “Was, wenn irgendjemand die Kuss-Anleitung von Seeliger befolgt? Kusslos wird die Welt und öde!”. Eine Welt wie eben von Nina Pauer glücklicherweise dystopisch und nach meiner Erfahrung völlig unrealistisch beschrieben. Aber das ist die wahrscheinliche Zukunft, die auf uns wartet, wenn wir den frechen Impetus generell verdammen und die vorbereitende Reflektion maßlos vergötzen. Wer küsst denn bei drohender Sanktion durch sozialen Ausschluss noch jemanden ohne direkte Aufforderung, und mal ehrlich, wie oft fällt die Verbalisierung dieses körperlichen Wunsches uns viel zu schwer, müssen wir also diese explizite Exposition, die uns unmöglich erscheint, überspringen, in beidseitigem Interesse? Der spieltheoretische Payoff ist bei “nicht küssen und nichts falsch machen” immer höher als bei “küssen und derbe auf die Mütze kriegen” oder “erst ausführlich darüber sprechen und sich eventuell beim Zerreden der Magie blamieren”. Die ritualisierte Formel “Sie dürfen die Braut jetzt küssen” wird zur conditio sine qua non jeglicher Anbahnung: Du darfst mich jetzt küssen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Zärtlichkeit nach strengeren Regeln zustande kommt als ein Mietvertrag.

Der Kuss ist zu wichtig, um ihn ideologisch aufzuladen oder kleinteilig zu rationalisieren. Der Kuss ist mit das wunderbarste, was uns unser Arsenal an merkwürdigen Interaktionstechniken anbietet, und hell yeah!, einige der besten Minuten meines Lebens verbrachte ich küssend. Es sollen bitte noch ein paar solche hinzukommen. Und deswegen muss ich mich als Bürger und Küsser einmischen, obwohl ich solche Diskussionen sonst eher scheue wie die berüchtigte Betonzunge (traumatisierte Opfer wissen, was ich meine), obwohl ich niemandem zu nahe treten möchte, außer um sie zu küssen, versteht sich. Natürlich, ungewollt geküsst werden ist peinlich bis eklig, und entgegen vieler Vorurteile wissen auch Mädchen manchmal ebenso wenig wie Jungs, wie man die Abschussrampe zur Kussrakete elegant hinaufklettert, wann der richtige Moment ist und dass man volltrunken keinen nüchternen Menschen küssen sollte, so süß das Opfer sich auch ziert. Selig sind die Vorsichtigen, die nicht gleich die Zunge einsetzen wie ein durstiger Schäferhund, sondern iterativ vorgehen, auf dass eine Umkehr im Zweifelsfall ohne Speichelspuren möglich ist. Unbelehrbare Offensivkünstler mag es geben, ja, man muss sie und ihre Physiognomie in ihre Schranken weisen, aber dennoch oder gerade deswegen: Der erotische Kuss ist der Anfang aller ernsthaften Zweisamkeit, ständiger Begleiter und bester Freund der intimen Beziehung, Symbol und Ausdruck dessen, was uns zu Menschen macht: Die Fähigkeit zu lieben. Ohne den Kuss wäre nichts, kann nichts werden und wird nichts sein, was lebenswert ist. Daher möchte ich mit einem Appell schließen.

Liebe Mädchen und Frauen, die Ihr mich irgendwann in Zukunft einmal kennen und schätzen lernt: Ich möchte bitte weiterhin, unter Berücksichtung elementarer Höflichkeits- und Hygieneregeln und nach einer kleinen feinen Reflektion über die Chancen, dass ich auf diesen Vorstoß adäquat anworte, “einfach so” (mit oder ohne Gequatsche!) geküsst werden. Ich bin erwachsen und glaube nicht an Tröpfcheninfektion schlimmer Geschlechtskrankheiten oder orale Schwangerschaft, also los! Versucht Euer Kussglück, wenn Ihr ehrlich meint, dieses Glück sei kongruent mit meinem. Im schlimmsten Falle sage ich “nein”, lege mich schlafen und rufe Euch an, versprochen. Und wenn nur, um mitzuteilen, dass ich lieber jemanden anderen küsse. Und bitte, falls ich jemals dem fatalen Irrtum erliege, eine von Euch könnte einen Kuss zu schätzen wissen, und ich mich erdreiste, ohne endgültige Absicherung mein Glück zu versuchen, dann nehmt es als unbeholfenes Kompliment und vergebt mir, denn ich wusste, was ich tue. Wie ein Bonmot der Jahrtausendwende-Jugend besagt: Man muss ein paar Frösche küssen, um einen Prinzen zu finden. Oder wie ich es geschlechterneutral übersetzen mag:

Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig: Einfach küssen.

21. Dezember 2011 0

Monologisch: Winter

Von fk in Monologisch

Endlich wieder Winter! Total gemütlich diese Vorweihnachtszeit, auch wenn der Konsumzwang voll nervt. Im September schon Nikoläuse im Supermarkt, geht´s noch? Aber so ein Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Maronen, das find ich total urig. Ich find ja Farben generell voll gut, und so weihnachtlich mit Schnee sieht einfach alles noch schöner aus. Leider ist es in der Stadt oft viel zu voll, wegen den ganzen Touristen, so wie jetzt kurz vor Weihnachten, da krieg ich Platzangst. Ist sowieso alles nur noch Kommerz. Zum Glück schenken wir uns nichts mehr, höchstens eine Kleinigkeit, was persönliches fürs Herz. Das tollste an Weihnachten sind doch aber immer noch die Traditionen und das gemeinschaftliche Erlebnis. Zu Hause Plätzchen backen und dabei schon voll viel naschen! Den Baum schmücken oder die Bescherung! Und dann alle zusammen essen, in Ruhe, nicht so gehetzt wie im Alltag, und seit wir nicht mehr in die Kirche gehen, ist sowieso alles entspannter. Toll kochen ist ja auch so ein richtiges Hobby von mir geworden. Ich finde: Am Essen soll man nicht sparen, und man kann auch ohne Fleisch was leckeres zaubern. Essen und Trinken ist für mich eben lebenswichtig, und im Winter noch viel mehr, weil man viel zu Hause sitzt und dann hat man endlich mal die Muße in der Küche. Und kann das voll genießen! So ähnlich wie Musik: Ohne könnte ich nicht leben, ich brauch einfach immer was auf die Ohren, vor allem wenn es immer so viel dunkel ist. Wir mögen auch immer alle die gleichen Sachen, einer bringt was mit und dann feiern das alle voll ab. Meine Clique ist ja wie eine Familie für mich, mit meinen besten Freunden kann ich echt über alles reden. Wenn ich mit meinen Mädels losziehe, lachen wir uns kaputt, und wenn ich mit meinen Jungs losziehe, dann rocken wir jede Party, total verrückt! Dann ist es völlig egal, dass es draußen friert. Neulich haben wir voll betrunken einfach ne spontane Schneeballschlacht gemacht, wahnsinnig witzig! Entscheidend ist eh, mit wem Du unterwegs bist: Mit den richtigen Leuten ist jede Party geil! Ich find ja Bars eigentlich besser als Clubs, da kann man sich auch mal unterhalten, dazu einen leckeren Cocktail schlürfen und über Gott und die Welt quatschen. Endlich mal durchschnaufen, so wie jetzt bald, zwischen den Jahren. Da bleibt das Handy mal aus und ich lese eins von den guten Büchern, die ich geschenkt bekomme. Und Sylvester mieten wir dieses Jahr eine Hütte, man muss auch einfach mal rauskommen. Denn wer mich kennt, weiß, dass ich nicht viel brauche zum Glücklichsein. Gute Gesellschaft, ein bisschen Ruhe. Am wichtigsten ist eben: Einfach mal die Seele baumeln lassen und Mensch bleiben! Nicht nur funktionieren und konsumieren, sondern zu sich selber finden. Vor allem an den besinnlichen Tagen gehe ich gerne mal in mich, statt immer nur alles nachzuplappern.

13. Dezember 2011 0

Regen und Meer

Von fk in Nabelschau, Reise, Video

Was vor 2,5 Jahren als kleine Bereicherung eines Südeuropa-Roadtrips begann, ist jetzt fertig und öffentlich: “Regen und Meer – Eine Reisecollage.” Die Hirngerechte Gestaltung präsentiert damit pünktlich zu Weihnachten einen kleinen Film über das Reisen, über die Menschen, die man auf Reisen trifft, und über alles andere auch. Egal, wohin uns beide die Reise noch führen wird – ein Frühwerk können wir hiermit schonmal präsentieren.

9. Dezember 2011 0

Tatort in 123s

Von fk in Deutsch, Video

Der Tatort als (nach Wetten, dass…!) endgültig letztes TV-Lagerfeuer der Nation, auf den sich alle einigen können, zu dem sich Hipster in Hipster-Kneipen treffen wie Selbsthilfegruppen, über den auch die verrückten Digital Natives, die ja sonst nie fernsehschauen, begeistert abtwittern – naja. Das ist schon wieder fast zu viel Folklore, der Tatort bleibt dessen unbenommen eine Krimireihe, die unter dem ihr aufgetragenen Gewicht an gesellschaftlicher Relevanz oft nur müde ächzt. Denn: Manchmal ist der Tatort gut, manchmal ist er schlecht, meistens scheint die Angst der Redakteure, den Zuschauer zu überfordern in übererklärenden Kleinkinddialogen durch (“Warst Du schon mal in Dachau?” – “Du meinst in der KZ-Gedenkstätte?”). Und solch eine tröstliche, vereinende Simplifizierung steckt natürlich auch in der stereotypischen narrativen Struktur des Tatorts. Leiche, Nachdenken, Verdächtige, Zeugen, falsche Fährte, Sozialkritik, Persönliches, neue Fährte, Verfolgungsjagd, Schluss. Das Leben, der Mordfall kann so einfach sein. Grandios umgesetzt durch das mir bis dato völlig unbekannte Tele5-Format Walulis sieht fern, das hier auch noch andere schön stereotype Meta-Videos zeigt. Der Tatort in 123 Sekunden:

8. Dezember 2011 3

Textwahn

Von fk in Bücher, Deutsch, Deutschunterricht, Ideen, Quatsch

Wollte man den alltäglichen Sprachmüll einer hypomanischen Medienwelt wirklich einmal einfangen, entlarven und damit entschärfen, sollte man ihn transkribieren. Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek haben genau das in ihrer Projektarbeit mit dem schönen Titel “Das ist der Tag, von dem Ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet” getan: Die gesamte Pro7-Show “Germany´s next Topmodel 2011 – Das Finale” steht hier schwarz auf weiss niedergeschrieben. Und damit mehr als nur die Sprache der Akteure deutlich gemacht, sondern auch ihre Geisteshaltung, welche – kondensiert in fester Schrift – sich nicht mehr verflüchtigen oder rausgeschnitten werden kann. Gregor schreibt dazu:

Jeder Rotz, jeder menschen-verblödende Schund, jedes sexistische und von Maschen durchtränkte Blabla, das in diesem ohrenbetäubenden Massenspektakel gepredigt wurde, ist hier feinsäuberlich abgetippt und in Dramenvers gesetzt. Das Layout errinnert dabei bewusst an Reclam.

Via Gizmo.

Auch völlig irrsinnig und gerade deswegen ein lyrisch-performatives Erlebnis sind Texte von überdrehten Spaßmachern wie Mario Barth, wenn man sie in Ruhe rezitiert. Das macht die Kabarettistin Christine Prayon auf ruhige, und damit umso eindrücklichere Art:

8. Dezember 2011 1

BrandtBrauerFrick

Von fk in Musik, Video

Brandt Brauer Frick live im Boilerroom. Und am 17. hier in München. Freude.

23. November 2011 1

Booking

Von fk in Bücher, Musik

Als hätte man mir die Wünsche von den feuchten Lippen abgelesen: Im Bob Beaman, wo ich sowieso schon liebend gerne verweile, wird ab Dienstag auch noch vorgelesen. Und zwar von wertgeschätzten Autoren wie Moritz von Uslar (nebst Band aus “Deutschboden”) oder Thomas Glavinic. Dazu spielen sie logischerweise Musik. Wie schön ich das genau finde, kann ich in keine Metapher packen. Irgendwas in Richtung heißer Schockolade mit Rum auf wunder Seele. Oder so.

6. November 2011 1

Anselm und Sonja, oder: Wie ich lernte, was Taktik ist

Von fk in Damals, Kurzgeschichten

Als Anselm und ich in der siebten Klasse zeitgleich entdeckten, dass ein Penis mehr als eine Funktion erfüllt, begann für uns eine aufregende Zeit. Wir waren weder Jungen noch Männer, sprangen in den Spagat zwischen Kindheit und Reife, zwischen Entdeckungen und Entlarvungen. Zum Glück hatten wir lange vor unserem ersten Samenerguss erkannt, dass Geschichten, groß erzählt und überzeugt vorgetragen, weibliche Geschöpfe beeindruckten. Anselm zeigte von Anfang an mehr Begeisterung an daraus resultierenden Erfolgen als ich. Ich beurteilte Mädchen weniger nach Aussehen oder Körperbau, sondern nach der Herausforderung, die es darstellte, sie zu belügen. Und fast jede war mir zu einfach.

Anselm hingegen sammelte erotische Einwilligungen wie unser wunderlicher Mitschüler Fritz  fremdländische Zigarrenschachteln (von Anselm nur Fritz Wunderlich genannt und mit einer erdichteten Biographie in die Nähe marokkanischer Zigarrettenschmuggler gerückt, wo er uns nicht gefährlich werden konnte, denn Fritz sah nach Meinung der Mädchen aus wie der junge Jared Leto, was Anselm wiederum dazu brachte, über die zweifelhaften Sexualpraktiken der Schieber zu sinnieren, die monatelang auf ihren Booten das Mittelmeer kreuzten und nachts leider nicht nur Karten mit dem jungen Schönling spielten).

Die auffallende Unabhängigkeit zwischen Schönheit und Skepsis brachte uns selten in eine Konkurrenzsituation. Die meisten attraktiven Mädchen waren recht gutgläubig, die kritischen eher unansehnlich. Allein unsere Klassenkameradin Sonja, die gertenschlanke Direktorentochter, vom Vater zum fröhlichen „Das glaube ich nicht!“ des Agnostikers erzogen, von der einst olympiareif fechtenden Mutter mit Sommersprossen und S-förmigem Körper beerbt, verdrehte erst Anselm mit einem Augenaufschlag, dann mir mit einem Stirnrunzeln den Kopf.

„Ich nehme Dir kein Wort ab, niemals feiert die alte Meyerkamp mit ihrem Leistungskurs zionistische Geisterbeschwörungen“, rief sie mir einmal entgegen, „Du bist ein Aufschneider!“
Ich war entzückt – und Anselm dementsprechend besorgt.
„Lieber Freund“, sorgte sich Anselm auf dem gemeinsamen Nachhauseweg von einem Schultag, den wir beide im Bann von Sonjas enger Jeans und weiter Bildung verträumt hatten, „mir scheint ein gemeinsames Verlangen zwischen uns zu existieren. Die Tochter des Direktors ist nicht nur ein ehrenhaftes Ziel, sondern – und da werden wir uns einig sein – eine verbotene und daher besonders lockende Frucht. Traditionell kann leider nur einer sie bestäuben, so viel Ehrencodex muss sein. Wir stehen uns nur im Weg, wenn wir beide unverblümt um sie werben. Ich schlage Dir also einen Deal vor: Wir stellen beide jegliche Versuche ein, sie zu verführen. Wir lassen ab von Gaukeleien und Mimikry, wir strecken unsere Waffen und warten. Und sie soll allein entscheiden, welchen von uns sie erwählt. Einverstanden?“
Mich reizte die entlarvende Intelligenz des Mädchens, das Risiko jeder Lüge ihr gegenüber, die Herausforderung. Ich wollte jedoch keinen Konflikt mit Anselm riskieren. Ich wusste, dass ich sie haben könnte, sobald ich sie überzeugt hatte, sich auf mich und meine erzählerischen Eskapaden einzulassen. Doch wusste ich ebenso, dass mein Interesse tragischerweise in genau diesem Moment nachlassen würde. Es wäre ein flüchtiger Sieg, und Anselm war mein einziger Freund. Also willigte ich in den Handel ein und zwang mich von nun an, Sonja über den üblichen schulischen Smalltalk hinaus nicht zu bedenken. Ich wollte abwarten, ob sich ein Schleichweg bot, ihr ohne weiteres erzählerisches Engagement beizukommen.

Freund Anselm hingegen benötigte nur einen Schachzug: Von einer Fünfminutenpause auf die andere stelle er sein wortreiches Werben um Sonja ein; schenkte stattdessen ihre beste Freundin Melanie (ein loser Pferdeschwanz in verwaschenen Fleecepullis) all seine frei gewordene Aufmerksamkeit, malte in leuchtenden Farben immer neue Gespenstergeschichten und anderen Hokuspokus auf ihre glattgläubige Stirn. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die er, seine Augen fest auf Melanies gerichtet, Sonja nur ein Fleck am Bildrand, erzählte, während ich stumm daneben stand und mich wunderte: Sein Abenteuer als Bademeister in einem langen Urlaub bei seinem Cousin an der Ostsee, als ein Wal gestrandet war und das ganze Team der Strandwache versuchte, ihn mit Holzlatten und Seilen zurück ins Meer zu bugsieren, ohne das arme Tier zu verängstigen, und welch majestätischer Moment es schließlich war, als die gemeinsame Anstrengung und eine glücklicherweise stark einsetzende Flut schließlich zum Erfolg führten, wie der Wal sich noch einmal umwandte und sie alle, wie sie verdreckt und müde am Strand standen, mit einem Wasserstrahl aus seinem Atemloch grüßte, der im Morgenlicht zu einem perfekten Regenbogen wurde, leider völlig unmöglich auf Fotos festzuhalten.
Eine Woche später meldete Anselm Vollzug.
Bei Sonja.

4. November 2011 0

Piratenparadox

Von fk in Meinung, Politik

Lernen wir gerade am Beispiel der im Medienhype strauchelnden Piraten, dass die Konzepte “Partei” und “Transparenz” nicht vereinbar sind? Entzieht der Kontrollverlust, der transparenter Basisdemokratie in einer Mediendemokratie inhärent ist, langfristig einer Partei die Existenzgrundlage? (Ein paar unfertige Gedanken mal runtergeschrieben.)

Selbst eine Partei wie die Piraten, für die das Internet nach Selbstverständnis nicht nur Arena und Instrument, sondern Heimat und Modus ist, scheint ohne “Benimmregeln” für ihre Mitglieder nicht auszukommen. Dieser jetzt öffentlich gewordene Internet-Knigge ist rationales Destillat der emotionalen Reaktionen auf vorhersehbare, politikübliche Angriffe. In diesem Fall ein satirischer Beitrag des NDR, der den Sender auf eine inzwischen gelöschte “schwarze Liste” der Piraten für unliebsame Medienvertreter bugsierte. Und wiederum dem NDR Anlass gab zu einer kleinen Belehrung in Sachen PR.
An vielen anderen Beispielen sieht man, dass die ehrliche, transparente Art, mit der Aufmerksamkeit umzugehen, zwar sicherlich der aufrichtigere, sympathischere Ansatz ist als die professionelle Vernebelung und die kindischen Beißreflexe der so genannten etablierten Parteien. Jedoch scheinen die jetzt auftretenden Dissonanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, manifestiert in der Überforderung der prominenten Gesichter der Partei, mit abweichenden internen Meinungen und Äußerungen sowie Attacken von außen umzugehen, auf eine Unvereinbarkeit der Institution Partei mit der Ambition “Transparenz” hinzuweisen. Einen Problemfall wie der von Jörg Tauss hätte eine “geschlossenere” Partei hinter verschlossenen Türen “geregelt” und dann als gelöste Aufgabe nach außen hin präsentiert – oder es zumindest versucht. Das ist unehrlich und hierarchisch, scheint jedoch für die Öffentlichkeit stringenter. Die Piraten wollen explizit keine Organisation sein, in der solche Probleme hinter verschlossenen Türen und von oben nach unten angegangen werden.
Und so sitzt Tauss in einem Fernsehbeitrag mit einem Piraten-Ortsverband am Tisch, dessen Mitglieder ihn akzeptieren, während der Bundesvorsitzende eine Mitarbeit kategorisch ausschließt. Christopher Lauer gibt offen zu: “Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.” Und meint damit sicher nicht nur den konkreten Fall Tauss.

Das ist transparent, ehrenhaft und löblich. Ich frage mich jedoch: Kann man heute “eine” Partei sein, und gleichzeitig innere Brüche offen verhandeln? Liefert man Medien und politischen Gegnern, von denen die Piraten in Zukunft immer heftiger angegriffen werden, je ernstzunehmender sie den politischen Betrieb aufmischen, damit nicht ein unerschöpfliches Arsenal an Munition? Wird man damit als Partei nicht auf Dauern zu angreifbar in der Zwickmühle zwischen Transparenz (oft genug gleichzusetzen mit “offen kommunizierten Fehlern und Schwächen”) und Geschlossenheit nach außen (die wiederum als Verrat an dem hehren Ideal der Transparenz als mediale Geschosse missbraucht wird)? Wie ein Kind, das in der Schneeballschlacht der Politik immer wieder zwischen die Fronten rennt und “Ihr trefft mich eh nicht!” ruft? Wann gibt es den ersten transparent verhandelten Sex-Skandal der Partei? Und wie reagiert die voyeuristische Öffentlichkeit?

Die Piraten werden professioneller werden, nicht weil sie müssen, sondern weil sie etwas bewegen wollen. Dazu brauchen sie auch die Wähler, die dem naiv-sympathischen Kommunikationsstil nicht jede Irritation verzeihen, sondern eine feste Größe schätzen. “Professioneller” bedeutet im Politikbetrieb und vor allem im Haifischbecken konfliktgeiler Medien, die jede kleinste Schwäche, jede Meinungsverschiedenheit zum Scoop aufblasen und ausschlachten, solche Angriffsflächen zu minimieren. Und das geht wahrscheinlich, zumindest langfristig auf Kosten der Kombination von Transparenz und Basisdemokratie. Auch das kennt man aus der Grundschule: Wer nicht geärgert werden will, sollte eben ab und zu einfach die Klappe halten.

Aber vielleicht überraschen uns auch die Piraten mit der Quadratur des politischen Kreises. Eine ehrliche, offene, transparente Partei erscheint mir jedoch ob der aktuellen Aggression aller gegen alle fast paradox. Ein Versuch ist es sicherlich wert. Die Frage ist: Wie schnell lernen Medienschaffende und Wähler, dass die vermeintliche Schwäche der Offenheit und Basisdemokratie eine Stärke ist, so lange man von der Partei nicht zu viel verlangt? Wie schnell überdenken wir unser Konzept von “Partei” als einer per definitionem geschlossenen Meinungsagentur, die stringent und konsequent agiert? Brauchen wir vielleicht ein neues Konzept von politischen Institutionen, die der Individualisierung, der Transparenz und der Basisdemokratie Rechnung tragen? Wie lange brauchen wir überhaupt noch die starren Parteien, wie wir sie jetzt kennen?