Seit ich Exit Through The Gift Shop gesehen und hier über meine Begeisterung geschrieben habe, treibt mich eine Frage um: Wie echt ist die Hauptfigur des Films, der französische Filmer Thierry Guetta, der im Laufe der Erzählung zum gefeierten Street Artisten namens Mr. Brainwash aufsteigt? Beziehungsweise: Was genau ist an ihm echt? Ist seine Karriere eine geplante Finte von Banksy, dem anonymen Superstar der Szene, der letztlich auch den Film gemacht hat? Oder ist die ganze Figur eine Erfindung? Quasi der Mr. X der Kunstszene?
Und was will uns welcher Künstler damit sagen?
Ich bin nicht der erste und schon gar nicht der einzige, der sich diese Frage gestellt hat. In Deutschland nahm vor allem Tobias Kniebe (SZ) die Fahndung auf und fragte: “Ist hier, erstens, halb L.A. Opfer einer perfiden Inszenierung geworden? Oder werden wir, zweitens, Zeuge einer brillanten, jeden Kunsthype entlarvenden, geradezu satirischen Wendung des Schicksals, die niemand – nicht einmal Banksy selbst – so genial vorhersehen konnte?” Die ZEIT hält sich raus, die Taz hingegen vermutet ein mockumentary, gibt die Spekulationen jedoch letztlich auf und bezeichnet den Film lieber als “multiperspektivische Bestandsaufnahme eines Kunstschlussverkaufs.” Dirk von Gehlen spricht in seinem Blog von einem “Identitätenspiel als Kunstwerk”. Beides schön formuliert, aber keine Antwort auf die Frage: Wer oder was ist echt daran?
Die amerikanischen Kollegen sind (auf Grund der frühen US-Veröffentlichung im April diesen Jahres sowie diverser Filmfestivals) etwas schneller und näher dran und versuchen, Mr. Brainwash auf den Zahn zu fühlen. Erfolglos. Frage: “Plenty say this feels like a prank. Can you prove it’s not?” – Guetta: “What do I do to prove? To live my life? One day for me is one life. The next day is another life. It’s not important what people say.”
Und Protagonist und Mitwirkender Shepard Fairy sagt so weise wie doppeldeutig: “Of course the more I try to say it’s all true, the more it sounds like I’m somehow perpetuating the conspiracy,” bleibt aber letztlich bei der offiziellen Version: “This is a way for Banksy to tell his story but at the same time critique the street art phenomenon. It’s perfectly aligned with how he does things. But it was a very shrewd adaptation to a problem that existed, not something premeditated.” Und an anderer Stelle schwört er: “I swear to god that’s not the case. Banksy may not want me to say that but no, it’s not.”
Aber wie vertrauenswürdig ist ein potenzieller Co-Konspirateur? Anyone?
Eine der wenigen halbwegs unabhängigen Sekundärquellen, ein amerikanischer Cutter, erzählt von seiner Arbeit, das ursprüngliche Material von Guetta zu sichten. Lange vor Beginn des Hypes. Und versichert glaubhaft, alles wäre real, denn: “…I know that Thierry Guetta is real because I spent weeks and weeks wishing he weren’t.” Was wiederum ein Satz von so reiner Banksy-Diktion ist, dass er seltsam unglaubwürdig klingt.
Und der Meister selbst? Banksy spricht im April von Guetta als realem Künstler, der es gemäß der amerikanischen Metaphysik von Aufstieg und Erfolg einfach geschafft hat: “Thierry is the living embodiment of the American dream.” Und vor allem: “It’s more shocking than that, because every bit of it’s true.” Er verweist auf die Unmöglichkeit, solch eine Story zu schreiben (“I could never have written a script this funny”).
Hm, ja, klar. Der Typ, der seit Jahren die halbe Welt mit seinen subversiven Aktionen und genialen Coups unterhält, gibt sich bescheiden. Natürlich könnte er so etwas stemmen, locker, und würde hinterher alles abstreiten, mit der gleichen Konsequenz wie er seit Jahren anonym bleibt.
Ich bleibe also ratlos zurück und tröste mich damit, dass die meisten Kommentatoren zurecht betonen, dass es gar nicht um die Frage ginge, was nun echt ist und was nicht: “Whether the film is real or a hoax, its message remains the same and the joke is on us.” Man solle den Film einfach als großes Gesamtkunstwerk sehen, als Witz über so manipulative wie manipulierbare Kunstwelt, als Hype, der einen Hype karikiert. Im Endeffekt jedoch, finde ich, geht es damit eben genau um diese eine Frage: Was ist echt? Gibt es eine Kategorie “echt” überhaupt noch, wenn alles gefälscht und erfunden werden kann? Hat es in der Kunst jemals diese echte Echtheit gegeben oder war sie eine Erfindung des Systems zum Selbsterhalt? Was sagt die Unfähigkeit, ein “echt” zu definieren, über eine Gesellschaft aus?
Schaut Euch den Film an, urteilt selbst. Es lohnt sich.

Sachdienliche Hinweise bitte in die Kommentare…
Na gut, ich paque buten:
Ich bin Banksy.
Als ob Du so lange Dein Gesicht verbergen könntest…