17. Oktober 2011 4

Beta

Von in Ideen, Medien, Meinung

Meine “Zeitung” ist ein Potpourri aus RSS-Feeds, Nachrichtenseiten, stark gefilterten Timelines sozialer Netzwerke, Twitter und ja, auch einer dicken Wochenzeitung, gelegentlich einer Tageszeitung und vielen vielen Artikeln jeglicher Herkunft online, ab und zu einem Video aus einer öffentlich-rechtlichen Mediathek, keinem berühmten Nachrichtenmagazin, vielen Blogs und Kommentaren und Dingen, die ich niemals zugeben würde. Man könnte meinen Medienkonsum also dispers nennen, spontan und weitgehend unabgeschlossen. Ich konsumiere viele “Beta-”Produkte, die eigentlich nie fertig sind, weil sie ständig aktualisiert werden. Im Gegensatz zu den “fertigen” Alpha-Produkten wie einer Zeitung, die bis zu ihrer nächsten Ausgabe fest steht. Beziehungsweise konsumiere ich die Alpha-Produkte eine Ebene tiefer: einzelne Artikel und Video sind in diesem Moment “fertig”, aber nur sie, kein übergeordnetes Konstrukt wie eine Zeitung. Und sie können jederzeit aktualisiert werden.

Ich fühle mich damit bestens informiert. Meine Selektionsmechanismen und Filter könnten zwar immer besser sein, zu oft noch habe ich Katzen und Boris Becker auf meinem Bildschirm. Aber an sich funktionieren sie: Ich verpasse keine “Nachrichten” von übergeordneter Bedeutung, ich erfahre viele Dinge, die nur für mich wichtig sind, sehr früh, ich bilde mir ein, gewisse Trends und Meme und Videos von Menschen unter Drogeneinfluss zumindest für mein Empfinden früh genug zu kennen, ich fühle mich selten überfordert vom Angebot. Und den Hashtag zu “Schwiegertochter gesucht!” sehe ich schon gar nicht mehr.

Die Vorstellung,  dass nur informiert ist, wer ein abgeschlossenes, stehendes Produkt kauft und konsumiert, ist so absurd wie die Vorstellung, dass nur jemand an einem Ziel ankommt, der mit einem einzigen Verkehrsmittel nonstop dorthin fährt, ohne aus dem Fenster zu schauen. Dass nur satt wird, wer täglich das gleiche Gericht ist, nichts anderes, und nur eines am Tag.

Wir müssen viele Dinge neu denken und lernen. Auch das “uns informieren”, bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber Tatort-Getwittere.

Clay Shirky würde in Sachen “fertige Zeitung” bzw. “fertiges Produkt, das über dynamische Zeitverläufe berichtet” vermutlich schreiben: Die Einstufung in fertig/unfertig von etwas, das einen Informationsfluss abbildet, ist ein “historischer Unfall”, weil die (mächtigsten) Medien dieser Abbildung eben lange Zeit welche waren, die im Produktionsprozess aus ökonomischen Gründen irgendwann mal “fertig” sein mussten. Im Falle der Zeitung eben, um ausgeliefert und verkauft werden zu können. Der Nutzen des fertigen Zustandes ist also ein rein formaler, kein inhaltlicher. Er hilft mir als Konsument nur bedingt – wie wenn Strom batterieweise und nicht fließend geliefert würde.

Man könnte medienhistorisch gedacht weiterspinnen, dass im Zeitalter der Oralität der gesprochene Bericht als Abbildung des Nachrichtenflusses gewissermaßen auch “fertig” war, also den Informationsstand des Berichtenden zum jeweiligen Zeitpunkt “abfertigte”. Nur waren da “Updates” leichter und weniger institutionalisiert vorzunehmen. Eine neue Zeitung zu drucken ist eben ungleich mehr Aufwand, als jemandem eine Ergänzung zur letzten Geschichte zu erzählen. Dafür erreicht sie mehr Menschen auf einmal. Digitale Updates sind einfach vorzunehmen und erreichen alle Menschen, die erreicht werden möchten, sofort.

Insofern (das ist hier nicht konsequent durchdacht, aber die Idee könnte klar werden) bewegen wir uns eigentlich in ein ursprüngliches Beta-Zeitalter zurück. Was “natürlicher” ist als das Alpha-Zeitalter der zäsierenden Abbildung von Informationsflüssen.

Kurz: Fertig/unfertig in Bezug auf Medienprodukte, die Informationen dealen, ist ein (künstlicher, weil dem Fluss nicht gerecht werdender) Code eines Zeitalters, das wir gerade verlassen. Und das ist besser für uns.

(Ziemlich ähnliches schrieb ich dem geschätzten Dirk schon in einen Kommentar unter seinen Text. Und ich nehme seinen Gedanken auf und formuliere hier etwas, das auch “beta” ist. Mal schauen, was dabei rauskommt.)

4 Kommentare zu “Beta”

  1. DSB says:

    Der Gedanke ist vielleicht gar nicht einmal so falsch. Eventuell kann man das sogar noch eine Ebene höher heben. Ich bin jetzt kein Experte der Wissenschaftsgeschichte – aber die Suche nach “abgeschlossenen” Erklärungen ist doch ein wesentliches Merkmal der Aufklärung und unseres gesellschaftlichen Denkens (auch wenn diese Abgeschlossenheit, siehe Popper, eigentlich mit einer wirklich aufgeklärten Wissenschaft nichts zu tun hat). Nicht umsonst ist die enzyklopädische Erfassung des gesellschaftlichen Wissens seit Diderot ein Merkmal unserer Moderne; Moden und Erkenntnisse veränderten sich zwar von Auflage zu Auflage – das Wissen an sich bekam dadurch zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung doch etwas Statisches. Der Glaube an “abgeschlossene” Wahrheiten war und ist die Triebkraft nicht zuletzt für die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts.

    Möglicherweise endet das Internet mit seinen stets fließenden, nie abgeschlossenen Kulturen diese Wahrnehmung und unser Verständnis von Wissen und Wahrheit. panta rhei (auch wenn wohl nicht ganz im Sinne Heraklits). Aufklärung ist jetzt kein Elitenprojekt mehr, sondern das tägliche Werk von Usern und Administratoren – die Enzyklopädie des Internets (und damit ist jetzt nicht allein die Wikipedia gemeint) ist nie abgeschlossen, sondern wächst und verändert sich an jedem Tag. Das ist eine technische Innovation – aber in ihren Auswirkungen womöglich mit erheblichen Folgen für unsere Wahrnehmung von “Wirklichkeit” und den Glaube an höhere Wahrheiten und ewige Erkenntnisse (auch wenn jeder Troll uns daran erinnert, dass der Mensch potentiell unbelehrbar bleibt).

    • fk says:

      Interessante Fortführung, DSB.

      Natürlich kann der Mensch wegen seiner Wahrnehmung von Zeit und der Existenz einer “Gegenwart” immer nur für “wirklich” halten, was bis jetzt und in diesem Zeitpunkt t0=Gegenwart gilt. Aber die Verfestigung von Informationen oder Wissen wird dynamischer, bzw. kleinteiliger statisch, wenn Updates quasi synchron zum Erkenntnisgewinn eingefügt werden können. Dein gutes Beispiel Wikipedia zeigt das heute schon.

      Ob wir jemals in der Lage sein werden können, einen Zeitverlauf nicht als Summe von Zeitpunkten wahrzunehmen, bezweifle ich, auch wenn wir quasi die Technologie dazu hätten oder gerade bekommen. Im Endeffekt ist das Internet auch nichts anderes als eine (aus Sicht der Moderne eine quantenspringende) Annäherung der Darstellungsmöglichkeiten von Informationen an die deren dynamische Wirklichkeit. Kompliziert, das alles.

  2. Julian says:

    Ich glaube, dass mein Medienkonsum aehnlich wie deiner ist, Blog Feeds und Nachrichtenseiten und so, auch eine Wochenzeitung habe ich abonniert. In den letzten fuenf Wochen lass ich die Wochenzeitung nicht, doch durch den Betanachrichteninternetstrom fuehlte ich mich trotzdem sehr gut informiert.

    Als ich dann die verpassten sz und zeit magazine als Paket bekam, merkte ich, dass ich sie doch sehr vermisst hatte. Vielleicht sind die deshalb so gut, weil es einen Stichtag gibt, an dem alles fertig sein muss, nach dem man nicht mehr an den Texten rumdoktorn kann. Und als Leser weiss man, dass es in sich geschlossen ist, und der Inhalt sich nicht veraendert, auch wenn man es ein paar Wochen im Schrank rumliegen laesst. Das ist ein gutes Gefuehl und ich hoffe, dass es das noch laenger geben wird, und wenn nicht auf Papier, dann auf dem iPad.

  3. fk says:

    Ich hoffe das auch. Aber sie müssen eben die Vorteile ihrer Alpha-Taktung nutzen und dürfen nicht versuchen, Beta-Konkurrenten in Beta-Benefits zu schlagen. Was das genau heisst, müssten kompetentere Leute mal rausklamüsern.

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