Marshall McLuhan ist so etwas wie der Godfather of Medienwissenschaft. Nur Niklas “Systemtheorie” Luhmann und vielleicht noch den alten Adorno zitiert die Branche so häufig, unermüdlich werden McLuhans berühmtes “The medium is the message”, seine Extensionsthese (Medien = Prothesen) oder seine Unterscheidung zwischen kalten und warmen Medien als theoretische Steigbügel genutzt. Kürzlich bin ich über ein Archiv seiner frühen TV-Auftritte gestolpert. McLuhan trifft hier viele orakelhafte Prophezeiungen, welche aus heutiger Sicht verblüffend genau voraus zeichnen, was wir aktuell an technologischer Entwicklung realisieren. Die Videos sind diskursgeschichtliches Gold, zeigen sie doch, wie einfach McLuhan Dinge ausdrückte, die heute, viel komplizierter formuliert, als Wahrheit anerkannt sind.
Den Wandel der Identität beispielsweise kann man momentan in seinen Auswirkungen beobachten, und die Entwicklung weg von formalen externen Faktoren wie Beruf oder Stand, die McLuhan beschreibt, ist noch lange nicht abgeschlossen. Oder das Ende der Geheimnisse, was er anlässlich Watergate ausruft und angesichts WikiLeaks wieder brandaktuell wird. Genau so seine Gedanken zur Privacy, die unter dem Schlagwort Post-Privacy momentan heiß diskutiert werden.
Seine Ideen erklärte er dabei prägnant und versuchte, ihnen manchmal eine gewisse Poesie einzuhauchen. So illustriert er die menschliche Angst vor neuen Entwicklungen unter dem Motto The future of the future of the present mit dem Shakespeare-Zitat: “One touch of Nature makes the whole world kin, That all with one consent praise new born gawds, Though they are made and moulded of things past, And give to dust that is a little gilt, More laud than gilt o’er dusted. The present eye praises the present object.”
Vor allem beeindruckt jedoch seine dialogische Sichtweise all dieser Statements nicht als endgültige Wahrheiten, sondern als Instrumente zur weiteren Exploration, gerade im Zeitalter der Medien-Gurus und ihrer apodiktischen Rechthaberei. McLuhan nahm sich nicht zu ernst und wollte nicht zu ernst genommen werden. Ein Grund mehr, ihm selbst zuzuhören, und nicht nur denen, die ihn zitieren.
Eine kleine Kostprobe:
