Eine echte Überraschung für uns vernetzte Atheisten: Papst Benedikt XVI. hat offensichtlich mehr fundierte Ahnung vom, intelligente Reflektion über und brauchbare Ratschläge für das Internet parat, als bspw. die gesamte deutsche Politik zusammen. Anlässlich des 45. Welttags der Sozialen Kommunikationsmittel zieht The Pope Formerly Known As Ratzinger den nur angemessenen Vergleich zur industriellen Revolution und fasst einleitend zusammen: Die neuen Technologien ändern nicht nur die Art und Weise, wie man miteinander kommuniziert, sondern die Kommunikation an sich; man kann daher sagen, daß wir vor einem umfassenden kulturellen Wandel stehen. Mit dieser neuen Weise, Information und Wissen zu verbreiten, entsteht eine neue Lern- und Denkweise mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu schaffen.
Diese von eigenen Befindlichkeiten und Interessen unverstellte Sicht würde man manchen Wirtschaftsführern wünschen, die ihre Unternehmen durch die Umwälzungen in Gefahr sehen. So könnte zwar auch der Papst jammern, dass alle nur noch Blogs und niemand mehr die Bibel liest. So könnte gerade die katholische Kirche nach den traumatischen Erfahrungen mit dem Buchdruck die nächste Kommunikationsrevolution verdammen. Aber nein:Benedictus, der einen eigenen youtube-Kanal betreibt und schon letztes Jahr Priester zur Nutzung sozialer Medien aufforderte, versucht einen konstruktiven Ansatz, ohne die Risiken zu verschweigen:
In der digitalen Welt heißt Informationen zu übermitteln immer öfter, sie in ein soziales Netzwerk zu stellen, wo das Wissen im Bereich persönlichen Austauschs mitgeteilt wird. Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe. Diese Dynamik hat zu einer neuen Bewertung des Miteinander-Kommunizierens beigetragen, das vor allem als Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver Beziehungen gesehen wird. Dies stößt andererseits aber auf einige für die digitale Kommunikation typische Grenzen: die einseitige Interaktion; die Tendenz, das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen; die Gefahr, irgendwie das eigene Image konstruieren zu wollen, was zur Selbstgefälligkeit verleiten kann. (…)
Vor allem müssen wir uns bewußt sein, daß die Wahrheit, die wir mitzuteilen suchen, ihren Wert nicht aus ihrer „Popularität” oder aus dem Maß der ihr gezollten Aufmerksamkeit bezieht. Wir müssen sie in ihrer Vollständigkeit nahebringen, anstatt den Versuch zu unternehmen, sie akzeptabel zu machen und sie dabei vielleicht sogar zu verwässern. Sie muß zur täglichen Nahrung werden und nicht Attraktion eines Augenblicks. (…)
Wenn die Gläubigen für ihre tiefsten Überzeugungen eintreten, leisten sie einen wertvollen Beitrag dazu, daß das Web nicht ein Instrument wird, das die Menschen zu Kategorien macht und sie emotional zu manipulieren sucht oder das es denen, die Einfluß haben, ermöglicht, die Meinungen anderer zu monopolisieren. Im Gegenteil, die Gläubigen sollen alle ermutigen, die bleibenden Fragen des Menschen aufrecht zu erhalten, die von seinem Verlangen nach Transzendenz zeugen und von seiner Sehnsucht nach Formen wirklichen Lebens, das wert ist, gelebt zu werden. Gerade diese zutiefst menschliche geistliche Spannung liegt unserem Durst nach Wahrheit und Gemeinschaft zugrunde und drängt uns dazu, rechtschaffen und aufrichtig miteinander zu kommunizieren. Ich lade vor allem die Jugendlichen ein, von ihrer Präsenz in der digitalen Welt guten Gebrauch zu machen.
Angenehm unaufgeregt und ohne die üblichen Stilmittel des erhobenen Zeigefinger, der unsachlichen Diabolisierung oder sonstiger Angstrhetorik zeichnet er damit die Chancen, aber auch die Aufgaben auf, die uns und seine Schäfchen im digitalen Zeitalter erwarten. Um sich am Ende für die besonders betroffenen Medienprofis zu wünschen: Auf die Fürsprache ihres Schutzpatrons, des heiligen Franz von Sales, bitte ich Gott für die im Kommunikationsbereich Tätigen um die Fähigkeit, ihre Arbeit stets mit großer Gewissenhaftigkeit und sorgfältiger Professionalität zu verrichten, und erteile allen meinen Apostolischen Segen.
Danke dafür, Benedikt.
Hui, verblüffend, allemal!
Ebenso die für die kath. Kirche neue Einsicht über den Gebrauch von Kondomen.
Eine Sache – heißt es nicht eher: “The POPE formerly known …”
*Klugscheißermodus off ;-)
Kurz nachgedacht: Recht hast Du! Danke!
also manchmal, manchmal überrascht mich der gute bene dann doch noch… :)
Er scheint gute Berater zu haben, oder wie man das im Vatikan nennt.
Papst Benedikt, unser Chef, feiert bald seinen 84. Geburtstag.
Da stellt sich die Frage:
Welcher 83 jährige Mensch begreift das Netz besser? Etwa Günther Grass vielleicht? Zitat:„Die Faszination des Internet ist begrenzt, damit wird man eine Zeit lang spielen. Aber diese Pseudo-Kommunikation ist etwas für kleine und mittlere Talente. Alles wird wieder aufs Buch zurückkommen.“
Eine Bemerkung noch: Was soll das im letzten Absatz heissen?
“ohne die üblichen Stilmittel”
Ja, erstaunlich. Ein optimistischer Pragmatismus, den man bei vielen Intellektuellen vermisst. Das Grass-Zitat ist sehr schön.
“Die üblichen Stilmittel” waren weniger auf den Papst als vielmehr auf alte Eliten bezogen, die sich dem Internet diskursiv nähern wie der Jäger dem Bären: Mit der Flinte im Anschlag.