Es ist dies eine erstaunliche Zeit der Skandale: Ein hochrangiger Weltbänker scheint es nötig zu haben, ausgerechnet in Law&Order-Country ein Zimmermädchen anzufallen. Nicht anzumachen oder anzugrapschen, sondern quasi ansatzlos zu bespringen – und zwar nackt. Was sicherlich den ein oder anderen kleinen Nachwuchsbänker in eine Existenzkrise stürzt: Wenn nicht mal der Alte die geilen Weiber haben kann, ohne sie zu zwingen, wozu mache ich dann den Scheissjob? Und wenn er unschuldig ist: Wie einfach kann man einen mächtigen Mann loswerden, indem man die Vergewaltigungs-Karte spielt? Nein, ich schreibe jetzt nicht den Namen Assange, nein, nein.
Kurz darauf fällt den dankbaren Enthüllungsjournalisten eine verwandt-pikante Story in den Schoß: Die besten 100 Versicherungsvertreter der Hamburg-Mannheimer wurden 2007 in Budapest ganz speziell belohnt. Für diese Elite der Herren Kaiser gab es Mädchen mit verschiedenfarbigen Armbändern, je nach Verfügbarkeit (nur Hostess / nur für Vorstand / zur freien Verfügung) und einem Stempel nach jedem Geschlechtsakt. Eine fleischliche Provision mit deutscher Versichungsgründlichkeit, von der als “Mordsspaß” sogar im hauseigenen Vertreterblatt berichtet wurde.
Ein ganz anderer Skandal entlarvt die Empörungsmaschinerie als blinden Automatismus: Lars von Trier hat zum entzückten Entsetzen der internationalen Panorama-Presse “zugegeben”, er sei ein Nazi. Und dabei allerlei anderen Meinungsquatsch über das dritte Reich und die Juden ausgeplappert. Auf dem Papier ein Grund, ihn in den Mel-Gibson-Sack zu stecken, ordentlich draufzuhauen und seine Karriere in Hollywood und bei den großen Festivals für beendet zu erklären. Sieht man jedoch das Video, auf dem er mit dem Satz “Okay, I am a Nazi” die versammelten Journalisten und die bezaubernd unsichere Kirsten Dunst zum Lachen bringt, weil die Situation so absurd und offensichtlich nicht politisch belastbar ist, versteht man, dass Kontext und Bedeutung egal sind, wenn nur das richtige Stichwort fällt. Man hätte den verwirrten Künstler einfach rügen und wieder ans Set stellen können, wo er eine bessere Figur macht als in der Drucksituation der Pressekonferenz. Oder mal recherchieren, wie dieser oder dieser Kommentator. Wenn ich mal berühmt bin, setze ich mich auf eine Bühne und sage: Nazi, Hitler, Juden (Reihenfolge beliebig). Vermutlich liegt meine Prominenz jedoch in jener fernen Zukunft, in der diese Reizworte keinen mehr jucken. Schade.
Ach, ich fühle mich sicher aufgehoben in dieser intellektuellen Hochkultur die mir, dank ihrer Fähigkeit Dinge zu hinterfragen, ihrer Aufrechtikeit, ihrer Kritikfähigkeit, ihrer Moral ohne Netz und doppelten Boden und nicht zuletzt ihres Sebstverständnisses bezüglich jeder (Selbst)Ironie ein warmes Nest bietet, wie keine Zweite.
Einfach schön!
Trotz allem: Was will der Depp eigentlich sagen? Sein Medium ist der Film und da hat er lange Zeit geniale Arbeit geleistet, aber so ein ‘Oh-Scheiße-ich-bin-in-ein-Fettnäpfchen-getreten-will-es-aber-nicht-galant-beenden-weil-ich-kein-Gutmensch-bin-Geseiher’ ist ja unerträglich. Einfach mal die Klappe halten!
Da hast Du Recht. Hier: http://www.sueddeutsche.de/kultur/lars-von-trier-und-die-juedische-herkunft-kein-nazi-1.1099619
…und hier: http://www.zeit.de/kultur/film/2011-05/hitler-von-trier
…findet man noch gut recherchierte Kommentare dazu. Und hier entschuldigt und erklärt er sich, wie ich finde, recht adäquat: http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763798,00.html
Er hätte natürlich die Klappe halten sollen, genau so wie jene empörten Aasgeier, die sich reflexhaft auf jede halbwegs skandalöse �u�erung stürzen. Irgendwie traurig, zu welchen Eskapaden die Geilheit auf Sensation führt, selbst im sog. Hochkulturbetrieb.
Danke für die Links. So ähnlich habe ich mir die Geschichte auch vorgestellt. Was man ihm vorwerfen kann ist, dass er die Buzzword-Nummer nicht schon lange kennt, als jemand der sich oft genug in den Medien bewegt hat. Es gibt halt diesen konditionierten Reflex (welchen ich persönlich sehr gut kenne), dass Dumpfbacken jede Diskussion zerhacken, wenn man bestimmte Wörter sagt. ‘Nazi’ ist so ein Wort. Da hört das Denken auf und der rhetorische Gegner ist dankbar für die Diskurskeule. Also was immer von Trier eigentlich sagen wollte: Er hat’s versaut. Im Übrigen bin ich trotzdem anderer Meinung was das ewige Palästina-Underdog-Thema angeht… Cheers, Sub_Kid