24. Februar 2011 1

Die Lüge in Zeiten der Cholera

Von in Meinung, Politik

Der Lüge geht es gut, mit der Ehrlichkeit ist es jedoch ein Kreuz in diesen Zeiten. Jeder verlangt sie, wenige können sie sich leisten, keiner sie garantieren. Die Öffentlichkeit kennt sie nur als gebrochenes Versprechen, sie ist wie eine Riege Hollywood-Stars für das lokale Kunstfilmfestival: Groß angekündigt findet keiner den Weg in die Provinz. Wirklich enttäuschen kann ihre  Abwesenheit jedoch niemanden, zu desillusioniert ist das Publikum, zu oft schon wurde es betrogen. Während die Medien davon ebenso profitieren wie die Politik, zieht sich der Anspruch der Aufrichtigkeit zurück. Der wissenschaftliche Betrieb, zumindest theoretisch eine Ausnahme, wird eingeebnet in den Sumpf des lassdichnichterwischen. Es greift eine neue Logik: Wahrheit wird Verhandlungssache, Aufrichtigkeit wird relativ, öffentliche Ehrlichkeit wertlos.

Bildquelle.

Nicht erst seit zu Guttenberg und seiner Serie an Lügen und Täuschungsmanövern, die er gestern im Bundestag unbeeindruckt wie ein Roboter fortsetzte, kann man nicht umhin zu erkennen, dass wir in einer zutiefst verlogenen Zeit leben. Was an der Spitze der Gesellschaft mit Politikern deutlich wird, die für ihre Lügen nicht mehr abgestraft werden, da “wir doch wichtigeres zu tun haben” und “jeder schonmal betrogen hat”, findet überall seine Entsprechungen. In jeder Werbepause wird mit großen Aufwand ein Lügengebäude nach dem anderen errichtet, um mich zu überzeugen, ich bräuchte das Produkt, um begehrenswerter, glücklicher, besser zu sein. Zwischen den Werbepausen werden inszenierte Ereignisse als real verkauft, wenn verwirrte Menschen im Sinne des größtmöglichen Spektakels vor der Kamera vorgeführt werden. In den meisten Zeitungen und Magazinen steht lustlos recherchierter, mehr oder weniger erfundener Quatsch, und der größte Teil der Menschen verdient als Versicherungsvertreter, Discounter-Kassiererin, Investmentbanker sein Geld mit falschen Versprechungen. Ständig fliegen Betrüger auf, werden Lügen enttarnt. Es liegt scheinbar in der Natur des Menschen, die Wahrheit zu eigenen Gunsten zu beugen.

Das Internet erlaubt, siehe die rasante Arbeit des Guttenplag-Wikis oder manche WikiLeaks-Veröffentlichungen, eine schnelle Entlarvung von Lügen. Was seit zu Guttenberg jedoch die Hoffnung auf eine Besserung zunichte macht, ist die paradoxe Bagatellisierung der Lüge bei gleichzeitiger Überhöhung des Geständnisses. Eine einfache, eine perfide Rechnung: Guter Mensch minus Fehler plus Entschuldigung gleich besserer Mensch. Lügen und Täuschen ist nach dieser Logik okay, so lange man sich entweder nicht erwischen lässt, oder im ungünstigsten Fall so lange versucht, die Lüge durch neue Lügen zu stützen, bis man den Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Hat man sich völlig verrannt, leistet man Abbitte und gewinnt als reuiger Sünder an Format, darf die Katharsis wie ein reuiger König David für sich verbuchen. Heute stellt sich der beliebteste Politiker der Republik  vor den Bundestag und tut so, als ob seine Entschuldigung ihn unverwundbar machte, getreu dem Motto: Was mich nicht tötet, härtet mich ab. Dem Lügner werden damit ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Er darf nun auf den Zuspruch, nicht den Zorn des gettäuschten Publikums hoffen, wird zum Vorbild statt zum Paria. “Demut wird zur Ware in einem Deal”, schreibt Karsten Polke-Majewski auf ZEIT online. Male ich mir die Signalwirkung an den Nachwuchs der Union aus, wird mir körperlich schlecht. “Das Ende der Doppelmoral” könnte der Startschuss zu einem neuen, noch selbstherrlicheren konservativen Egoismus sein.

Wo aber bleiben die entrüsteten Proteste der Menschen, deren Existenz von einer gewissen Mindestehrlichkeit abhängen? Wo verstecken sich die Professoren, die Lehrer, die Richter? Die Direktorin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sagte: “Es handelt sich um schwerwiegende Vergehen, die entsprechende Konsequenzen haben müssen”. Und mit dieser diffusen Forderung scheint das Thema für diejenigen, die davon leben, erledigt zu sein. Wie kann ein deutscher Professor jetzt noch glaubwürdig von seinen Studenten reguläre Arbeiten einfordern? Können wir jetzt nicht, wie Karl Lauterbach es formulierte, die “wissenschaftliche Arbeit einstellen”?

Es scheint inzwischen ziemlich egal zu sein, ob man ehrlich ist oder verlogen. Der Ehrliche ist in dieser Welt nicht nur der Dumme, er verspielt auch die Chance, gestärkt aus einer Glaubwürdigkeitskrise hervorzugehen. Andere Eigenschaften sind dienlicher: Beliebtheit auf Grund positiven Auftretens. Schneid. Sturheit. Große Worte wie Klarheit, Wahrheit, Anstand, Aufrichtigkeit. Dahinter? Purer Egoismus. Zu Guttenberg erzählte gestern meist in der dritten Person, man habe die Fehler eingesehen, man habe sich eben übernommen. Vielleicht kann er sich schon selbst nicht mehr leiden. Vielleicht möchte er nicht mehr der Lügner sein, nicht mehr um die Macht schachern und nicht mehr mit seiner Aufrichtigkeit wuchern. Vielleicht wäre er gerne der Held, der er für viele zu sein scheint, ein moralisch entrücktes, unangreifbares man, ein guter Mann, der noch gebraucht wird. Vielleicht wäre er gerne ein ehrlicher Mensch.

Es ist ein Kreuz mit der Ehrlichkeit in diesen Zeiten. Ist sie nicht in uns, ist sie nirgendwo.

Ein Kommentar zu “Die Lüge in Zeiten der Cholera

  1. [...] Die Lüge in Zeiten der Cholera » alright, okee! "Es scheint inzwischen ziemlich egal zu sein, ob man ehrlich ist oder verlogen. Der Ehrliche ist in dieser Welt nicht nur der Dumme, er verspielt auch die Chance, gestärkt aus einer Glaubwürdigkeitskrise hervorzugehen. Andere Eigenschaften sind dienlicher: Beliebtheit auf Grund positiven Auftretens. Schneid. Sturheit. Große Worte wie Klarheit, Wahrheit, Anstand, Aufrichtigkeit. Dahinter? Purer Egoismus." – nochmal: ich bin ganz sicher kein Vorbild und drehe mir meins auch manchmal zurecht. Aber ich bin auch keine "Doktor" oder Verteidigungsminister. Wenn ich Fehler mache, bin ich für mich verantwortlich – der Andere da repräsentiert ein ganzes Land! Es wäre m.E. auch halb so schlimm, wenn er wenigstens dazu stehen würde (270 Seiten!!!) – aber dieses Herumgeaale ist einfach widerlich – next! [...]

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