2. November 2011 1

Menschen

Von in Meinung

“Die Hasskommentatoren überall im Internet haben es geschafft, sie machen aus fast jedem, der Menschen liebt, einen, der die Rasse, zu der er gehört, zu verachten beginnt.”

In diesem Stil schreibt Sybille Berg Klartext über böse Menschen – und erntet viel Zuspruch. Sie bezieht sich explizit auf Kommentarspalten, beispielsweise unter ihrem oder anderen SPON-Texten. Ihr Kollege Jan Fleischhauer zitiert gleich nur noch solche fiesen Kommentare zum Beweis (und schießt mit seinem ersten Satz “Meinungsfreiheit ist nicht jedermanns Sache” ins eigene Tor). Wie können die Nutzer der Kommentarfunktion einer Internetseite schaffen, was Genozide, Weltkriege und Sklaverei nicht geschafft haben? Wie können sie Liebe in Hass verwandeln? Und wessen bis dahin unerschütterliche Menschenliebe wendete sich erst bei der Lektüre von online-Kommentaren ins Gegenteil?

Jeder Angehörige dieser verdammten Art weiß: Wenn Menschen zusammenkommen und über etwas diskutieren, werden sie schnell böse zueinander. Am Stammtisch, im Parlament, auf Spiegel Online. Auseinandersetzungen geschehen meist verbal und sind deswegen flüchtig und bald vergessen. “Das Internet” jedoch hält diese vermeintlichen Eskalationen fest. Es dokumentiert sie und macht sie haltbar, sammelt sie und fördert sie dadurch auch, wenn der narzissistische Pöbler erst in dieser tollen Arena ins Pöbeln kommt, sich an Zu- und Widerspruch aufgeilt. Bis sie keine Eskalationen, sondern Normalität sind, oder zumindest so erscheinen. Diesen Umstand trifft Frau Berg genauer, als sie vermutlich beabsichtigte, wenn sie schreibt: “Die aggressive Dummheit der Welt, die man vorher ahnte, jetzt steht sie fest.” Ja, sie steht fest, schwarz auf weiss, für erstmal immer, für jeden sichtbar, unbestechlich, unübersehbar, unbestreitbar.

Man muss schlucken: Der Mensch ist ein Wolf. Oder ein Schwein. Zumindest, wenn er streitet.

Und das ist ganz wunderbar! Denn erst, wenn man schonungslos verstanden hat, wie schlecht und böse der Mensch sein kann und oft ist, wenn er einen Anlass hat, gewinnt man ihn ob seiner positiven Ausreißer wirklich, ernsthaft lieb. Erst wenn Bosheit dauerhaft sichtbar ist, kann man sie reflektieren. Ihre Präsenz fördert echten statt theoretisch-bequemen Humanismus: Eine süße kleine Hauskatze, deren gelegentliche Fehltritte niemand sehen will, ist nicht schwer zu mögen. Ein launischer, egoistischer, sadistischer alter Kater, der vor aller Augen in die Ecke pinkelt, hingegen schon.

Und die Herausforderung, den ein oder anderen Menschen ein bisschen schlauer und toleranter zu machen (oder ihn trotzdem lieb zu haben), angefangen bei mir selber, ist heute die gleiche wie vor 100 oder 1000 Jahren. Nur sind die Waffen spitzer. Dass die Welt ein “abstoßender Ort” war und ist, halte ich für zutreffend. Dass aber dieser Ort “aus seltsamen Gründen immer aggressiver wird”, ist Quatsch oder zumindest schwer belegbar – so wie die meisten Sätze unter Verwendung von “immer” + Komparativ. Wer hat schon valide Daten über einen Zeitverlauf? Mehr oder weniger glaubwürdige Forscher behaupten jedenfalls das Gegenteil. Die Welt wird eher friedlicher, gemessen an körperlicher Aggression.

Und die kommunikative Gewalt? Wenn jeder fast alles äußern darf und kann, ist es nur ein logischer Wahrnehmungseffekt, dass die extremen Äußerungen besonders auffallen. Es ist sicher nicht alles schlimmer geworden; nur anders, ein bisschen bunter, effektiver, heißer, deutlicher – auch für die “guten” Menschen. Und die müssen genauso wie die “schlechten” erst lernen damit umzugehen. Indem sie nicht jede “Entäußerung” (wie Berg sie nennt) direkt auf schlechten Charakter zurückführen. Nicht Erregungszustand mit Persönlichkeit eines Kommentators gleichsetzen. Den Unterschied zwischen kommunizierter und eigentlicher Meinung oder Attitüde mitdenken. Den Menschen nicht die Schuld für die eigene Enttäuschung geben, wenn sie nicht so funktionieren, wie man das gerne hätte.

Denn dieses Leiden an der schlechten Welt mit ihren bösen Menschen ist oft nur verletzte Eitelkeit: Da gebe ich mir so viel Mühe, meinen Selbstbetrug von einer guten Welt voll anderer guter Menschen aufrecht zu erhalten, ein vorbildlicher Humanist zu sein, Nächstenliebe und Toleranz demonstrativ zu praktizieren – und dann erdreisten sich die Restmenschen, gar nicht so gut zu sein. Im Gegenteil, miese Schweine sind sie, und das auch noch öffentlich! Nicht von Form und Kommentar des Inhaltes bin ich Gutmitmensch dann beleidigt, sondern von seiner sozialen, systematischen Dimension, die mein hehres Menschenbild zerstört und es mir schwer macht, weiter edel und gut zu sein und mich an meiner Gutheit zu erfreuen.
Erwarte ich jedoch nichts von den Menschen (und auch keinen selbstgefälligen Humanismus von mir selbst), kann ich relativ kühl jede noch so perfide Manifestation menschlicher Abgründe ertragen. Solange ich den grundsätzlichen Glauben nicht verliere, dass jeder Mensch sich ändern kann, dass niemand für immer böse, dumm oder feindselig sein muss, weil in jedem etwas “gutes” leuchtet, das an die Oberfläche will, kann ich mich umso mehr über die Ausnahmen freuen, die schon hell strahlen.

Nur ist die entscheidende Frage nicht, ob sich jemand ändern kann, sondern ob er will. Welche Anreize gibt es für einen Homophoben, für einen Fremdenfeindlichen, für einen Troll, sich zu ändern? Er hat ja nicht ausgewürfelt, zu wem er wie böse ist. Dieses Verhalten erfüllt eine Funktion für ihn, und das mindestens passabel, sonst hätte er sich ein anderes Verhalten gesucht.

Die einfachste Erklärung: Sie sind schwach, diese bösen Menschen, sie haben Angst, und deswegen sind sie aggressiv, verbohrt, engstirnig. Berg spricht von einem “Schrei nach Liebe”, der ihrer Meinung nach die Welt verändern soll. Dieser Interpretation möchte ich widersprechen: Nicht die Welt selbst, sondern nur ihre Sicht der Welt und damit ihr eigenes Leben müssen diese Menschen verändern. Denn ihr Leben ist miserabel und wird, relativ gesehen, ein kleines bisschen weniger miserabel, wenn sie andere mit hinunterziehen. Wie man sich selbst hochzieht, was ja den gleichen relativen Effekt hätte, haben sie vermutlich nie gelernt. Und viele von ihnen sind vielleicht gar nicht so schrecklich böse – sie haben nur nie gelernt, wie man nicht böse wird, wenn man anderer Meinung ist oder Angst hat.

Mit “Langeweile” nennt Berg eine weitere mögliche Ursache, auch wenn ich sie neutraler als “freie Zeit zur Verwendung neuer Instrumente” bezeichnen würde (aka “Cognitive Surplus”, vgl. Shirky 2010). Dieses postmoderne Luxusproblem führt wiederum zu einer Hyperreflektion, zu dem Gefühl, ich als Subjekt müsse ständig die anderen Subjekte und ihre Kollektive bewerten, definieren, verstehen. Das überfordert und überreizt, und die (typisch menschliche) Reaktion ist eine Mischung aus Komplexitätsreduktion und Aggression: Diese anderen da, die sind schuld, pervers, schlecht! Vielen Menschen fehlt das intellektuelle und emotionale Instrumentarium, um mit Andersartigkeit, Komplexität und Kontingenz gelassen umzugehen. Sie schreien wie müde Kinder am Weihnachtsabend und finden alles doof. Weil Abgrenzung und Diffamierung meist der schnellste Weg zu vermeintlicher Sicherheit sind, behandeln sie ihre Sinn- und Orientierungslosigkeit mit dem Placebo Aggression.

Diese Trottel können einem, im wahrsten Sinne des Wortes, leid tun mit ihrer notorischen Boshaftigkeit, die doch nur ihren Defiziten entspringt.

Ich denke: Lasst sie machen. Sie werden irgendwann merken, was sie verpassen. Sie werden lernen. Oder eben nicht. Dann kann ich auch nichts ändern. In jedem Fall habe ich die Wahl, wie ich mit ihnen umgehe, ob ich sie hasse oder verachte. Oder ob ich eine andere Sichtweise einnehme. Diese meine Freiheit beschrieb David Foster Wallace eindrucksvoll: “The really important kind of freedom involves attention, and awareness, and discipline, and effort, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them, over and over, in myriad petty little unsexy ways, every day. That is real freedom.”

Und so lese ich als sensibler Zeitgenosse, der lieber liebt als hasst, diese bösen Kommentare nur selten, und wenn, lasse mich nicht von ihnen täuschen. Sie sind kein Beweis für die Hoffnungslosigkeit der Menschheit. Sie zeigen nur, dass viele Menschen nicht fähig oder willens sind, anders als böse in Internetforen zu kommentieren. Dass diese Menschen also fast alle dumm und böse sind.
Ja und?
Wer sich von diesem Mikro-Eindruck in den Menschenhass führen lässt, wird auch von einem Glas Wein alkoholsüchtig. Er sollte auch nicht die homöopathischen Dosen an Bosheit konsumieren, die ich für gesund halte und mir manchmal zuführe, quasi als Desensibilisierung; als eine Immunkur, die mich nie vergessen lässt, was die ewige Ambivalenz unseres sozialen Wesens ausmacht: Wir brauchen uns gegenseitig, wir hassen uns, wir lieben uns, wir vernichten uns. In Partnerschaft, Gesellschaft, Freundschaft und Feindschaft.
Tolstoi (oder war es Dostojewski?) kann man nicht oft genug zitieren: Ich liebe die Menschheit, aber ich hasse jeden einzelnen von ihnen.

Jeder kann sich aussuchen, ob er diesen Satz umdreht.

Ein Kommentar zu “Menschen”

  1. dasaweb says:

    Amen.

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