4. November 2011 0

Piratenparadox

Von in Meinung, Politik

Lernen wir gerade am Beispiel der im Medienhype strauchelnden Piraten, dass die Konzepte “Partei” und “Transparenz” nicht vereinbar sind? Entzieht der Kontrollverlust, der transparenter Basisdemokratie in einer Mediendemokratie inhärent ist, langfristig einer Partei die Existenzgrundlage? (Ein paar unfertige Gedanken mal runtergeschrieben.)

Selbst eine Partei wie die Piraten, für die das Internet nach Selbstverständnis nicht nur Arena und Instrument, sondern Heimat und Modus ist, scheint ohne “Benimmregeln” für ihre Mitglieder nicht auszukommen. Dieser jetzt öffentlich gewordene Internet-Knigge ist rationales Destillat der emotionalen Reaktionen auf vorhersehbare, politikübliche Angriffe. In diesem Fall ein satirischer Beitrag des NDR, der den Sender auf eine inzwischen gelöschte “schwarze Liste” der Piraten für unliebsame Medienvertreter bugsierte. Und wiederum dem NDR Anlass gab zu einer kleinen Belehrung in Sachen PR.
An vielen anderen Beispielen sieht man, dass die ehrliche, transparente Art, mit der Aufmerksamkeit umzugehen, zwar sicherlich der aufrichtigere, sympathischere Ansatz ist als die professionelle Vernebelung und die kindischen Beißreflexe der so genannten etablierten Parteien. Jedoch scheinen die jetzt auftretenden Dissonanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, manifestiert in der Überforderung der prominenten Gesichter der Partei, mit abweichenden internen Meinungen und Äußerungen sowie Attacken von außen umzugehen, auf eine Unvereinbarkeit der Institution Partei mit der Ambition “Transparenz” hinzuweisen. Einen Problemfall wie der von Jörg Tauss hätte eine “geschlossenere” Partei hinter verschlossenen Türen “geregelt” und dann als gelöste Aufgabe nach außen hin präsentiert – oder es zumindest versucht. Das ist unehrlich und hierarchisch, scheint jedoch für die Öffentlichkeit stringenter. Die Piraten wollen explizit keine Organisation sein, in der solche Probleme hinter verschlossenen Türen und von oben nach unten angegangen werden.
Und so sitzt Tauss in einem Fernsehbeitrag mit einem Piraten-Ortsverband am Tisch, dessen Mitglieder ihn akzeptieren, während der Bundesvorsitzende eine Mitarbeit kategorisch ausschließt. Christopher Lauer gibt offen zu: “Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.” Und meint damit sicher nicht nur den konkreten Fall Tauss.

Das ist transparent, ehrenhaft und löblich. Ich frage mich jedoch: Kann man heute “eine” Partei sein, und gleichzeitig innere Brüche offen verhandeln? Liefert man Medien und politischen Gegnern, von denen die Piraten in Zukunft immer heftiger angegriffen werden, je ernstzunehmender sie den politischen Betrieb aufmischen, damit nicht ein unerschöpfliches Arsenal an Munition? Wird man damit als Partei nicht auf Dauern zu angreifbar in der Zwickmühle zwischen Transparenz (oft genug gleichzusetzen mit “offen kommunizierten Fehlern und Schwächen”) und Geschlossenheit nach außen (die wiederum als Verrat an dem hehren Ideal der Transparenz als mediale Geschosse missbraucht wird)? Wie ein Kind, das in der Schneeballschlacht der Politik immer wieder zwischen die Fronten rennt und “Ihr trefft mich eh nicht!” ruft? Wann gibt es den ersten transparent verhandelten Sex-Skandal der Partei? Und wie reagiert die voyeuristische Öffentlichkeit?

Die Piraten werden professioneller werden, nicht weil sie müssen, sondern weil sie etwas bewegen wollen. Dazu brauchen sie auch die Wähler, die dem naiv-sympathischen Kommunikationsstil nicht jede Irritation verzeihen, sondern eine feste Größe schätzen. “Professioneller” bedeutet im Politikbetrieb und vor allem im Haifischbecken konfliktgeiler Medien, die jede kleinste Schwäche, jede Meinungsverschiedenheit zum Scoop aufblasen und ausschlachten, solche Angriffsflächen zu minimieren. Und das geht wahrscheinlich, zumindest langfristig auf Kosten der Kombination von Transparenz und Basisdemokratie. Auch das kennt man aus der Grundschule: Wer nicht geärgert werden will, sollte eben ab und zu einfach die Klappe halten.

Aber vielleicht überraschen uns auch die Piraten mit der Quadratur des politischen Kreises. Eine ehrliche, offene, transparente Partei erscheint mir jedoch ob der aktuellen Aggression aller gegen alle fast paradox. Ein Versuch ist es sicherlich wert. Die Frage ist: Wie schnell lernen Medienschaffende und Wähler, dass die vermeintliche Schwäche der Offenheit und Basisdemokratie eine Stärke ist, so lange man von der Partei nicht zu viel verlangt? Wie schnell überdenken wir unser Konzept von “Partei” als einer per definitionem geschlossenen Meinungsagentur, die stringent und konsequent agiert? Brauchen wir vielleicht ein neues Konzept von politischen Institutionen, die der Individualisierung, der Transparenz und der Basisdemokratie Rechnung tragen? Wie lange brauchen wir überhaupt noch die starren Parteien, wie wir sie jetzt kennen?

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