10. Juni 2011 1

Wahrheit schreitet lauter

Von in Meinung

Die Wahrheit schreitet laut, wusste Brechts Galileo Galilei, und sie schreitet immer lauter. Das muss aktuell Anthony D. Weiner lernen, ein New Yorker Abgeordnete der Demokraten. Er schickte einer 21-jährigen Studentin Fotos von sich und seiner beeindruckenden Oberkörpermuskulatur sowie einige Anzüglichkeiten. Und das alles über Twitter. Da die Studentin sich belästigt fühlte, gab sie die Fotos an die Öffentlichkeit. Weiner hingegen behauptete, sein Account sei gehackt worden. Die Lüge entpuppte sich als haltlos, war die junge Dame doch nicht die erste Empfängerin seiner Avancen. Er musste zugeben, sechs Frauen in den vergangenen drei Jahren auf diese Art medial belästigt zu haben. Jetzt soll er zurücktreten. Pikant: Eine Gruppe von Twitterern warnte vor einigen Monaten die Mädchen, zu denen Weiner Kontakt aufgenommen hatte. Und seine Frau ist schwanger.

Ähnliche Thematik, ganz anderer Fall: Jörg Kachelmann, nach seinem medial aufs widerwärtigste ausgeschlachteten Prozess/Freispruch ein Mann frei jeglicher Image-Sorgen, veröffentlicht er Fotos seiner Verfolger auf Twitter. Noch nie haben Bilder eine Hetzjagd von Paparazzi als so deprimierend durchschnittlich, so trostlos unspektakulär entlarvt. Ein Kamerateam zum Beispiel, das Kachelmann verfolgt, besteht nicht aus kongolesischen Söldnern auf Crack, sondern unscheinbaren jungen Menschen in Mittelklassewagen, die dafür bezahlt werden, einem Menschen das Leben zur Hölle zu machen.

Was diese zwei Fälle gemeinsam haben? Man sieht, dank weit verbreiteter niedrigschwelliger Technologie, als völlig unbeteiligter Mensch Dinge, die man früher nicht gesehen hätte, und versucht sich damit zu arrangieren. Denn wir werden uns gewöhnen müssen an die nackten Oberkörper und fragwürdigen Flirtmethoden von öffentlichen Personen, die wir lieber als Roboter sehen. Wir werden, auf der Kehrseite der Medaille, nicht mehr so tun können, als wären “die Medien” eine Bande von Aliens, gekommen um uns zu versklaven, böse Mächte jenseits aller Bewertungsmaßstäbe. Hinter jedem Paparazzi-Foto steht ein Fotograph, der es unter Verletzung von Persönlichkeitsrechten schoss, Redakteure, die es forderten, Graphiker, die es setzten, Chefs, die es absegneten. Die Akteure hinter manch medialer Schweinerei bekommen plötzlich Gesichter. Und damit Angriffsflächen.

Was wir dabei lernen müssen, ist der richtige Fokus. Dass ein Mann mittleren Alters gerne jungen Dingern nachstellt – geschenkt. Wenn der erste deutsche Politiker mit sexy Pics erwischt wird, hoffe ich, dass wir etwas abgeklärter reagieren. Belästigung gehört sanktioniert, fraglos. Eine kluge Einteilung unserer Aufmerksamkeit wird jedoch desto dringender gebraucht, je mehr Informationen existieren. Manche davon scheinen nur wichtig, weil sie die ersten ihrer Art sind, die an die Öffentlichkeit dringen. Und manche sind wichtig, um Opfern eine Chance auf Verteidigung zu geben, um Täter bloßzustellen, um ungerechte Kräfteverhältnisse auszugleichen. Insofern macht Kachelmann alles richtig. Er zeigt die Menschen hinter einem ansonsten als anonym und systematisch wahrgenommenen Mißstand.

Postprivacy, Datenschutz und Informationsflut sind große Themen, manchmal jedoch hinderliche Verschlagwortung eines einfachen Umstandes: Wir beherrschen die Techniken, entscheidend jedoch sind die richtigen Filter und Prioritäten. Wenn wir ans Licht zerren, was gesehen werden sollte, und in Vergessenheit geraten lassen, was zwar aufregend, aber nicht weiter hilfreich ist, wenn wir genau hinschauen und aussuchen, was wirklich wichtig ist, dann arbeiten diese Informationen für die Wahrheit. Es sollten seltener Bilder gezeigt werden, deren größter Skandal ihre Veröffentlichung ist, und öfters Gesichter, die sonst nur in einer Grauzone hinter der Bühne agieren. Denn dann schreitet Wahrheit lauter.

Ein Kommentar zu “Wahrheit schreitet lauter”

  1. Mare says:

    Danke.

    Das Foto des Jahres… z. B.
    bringt uns auch immer wieder auf den Boden…
    und rückt einiges grade,
    was wahr ist und was schädlich.

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