5. Dezember 2010 14

Wikileaks und die starken Männer

Von in Meinung, Politik

Ich bin kein naiver Mensch. Ich würde mich eher einen Zyniker denn Optimisten nennen. Die jüngsten Geschehnisse um Wikileaks jedoch haben mich auf eine sehr ambivalente Weise politisiert. Denn einerseits glaube ich an eine unaufhaltsame Entwicklung zur Wahrheit hin, bin also grundsätzlich doch optimistisch. Andererseits stehen dieser Entwicklung extrem viele vermeintlich starke Männer im Weg, zu deren Absichten ich inzwischen noch weniger Illusionen hege als bisher.

Michalis Pantelouris schreibt zum Thema Wikileaks von drei Wahrheiten und ihrer Annäherung:

So, wie es die Bewahrer der alten Ordnung gerne hätten, wird es nicht bleiben. Bisher leben wir selbstverständlich damit, dass es irgendwo “eine Wahrheit” gibt, die wir nie erfahren (in den Dokumenten, hinter den Kulissen), eine “öffentliche Wahrheit”, nämlich das, was offen gesagt wird, das, was in der Zeitung steht – und unsere private Wahrheit, mit der wir leben und arbeiten. Es gibt also zum Beispiel einen Krieg in Afghanistan, es gibt das, was uns Politiker darüber erzählen und es gibt das, was wir über den Krieg zu wissen glauben. Und die drei Wahrheiten unterscheiden sich extrem. Ist das okay so?

Ich glaube, wir haben über Generationen damit leben gelernt. Aber es muss ja nicht so bleiben, wenn es besser werden kann. Wenn Staaten ihre innere und äußere Wahrheit einander annähern müssen, dann ist das ungewohnt, aber richtig.

Clay Shirky würde hier wohl die Auflösung eines historischen Unfalls sehen. Das Gut “Wahrheit” (lassen wir einmal philosophische Probleme bei der Definition desselben außer acht) oder besser das Gut “Wissen um die Wahrheit” ist auf Grund gewisser Knappheiten ungleich verteilt. Und zwar ziemlich genau von (sozial) oben nach unten. Die “Mächtigen” sind nach dem bidirektional gültigen Motto “Wissen ist Macht, Macht ist Wissen” auch die Wissenden. Und sie verteilen das Wissen, wie es ihnen am besten nutzt, nicht (wie es eigentlich vorgesehen ist) zum Nutzen ihrer Bürger.

Daraus entsteht eine Sphäre der Geheimhaltung. Eine Geheimhaltung, die weitgehend nach machtpolitischen Motiven und nicht zum Wohl der Allgemeinheit (und dabei den zu schützenden Individuen) aufrechterhalten wird. Das ist nichts neues: Arkanes Wissen als Herrschaftswissen war schon immer der wahre Schatz der Herrschenden. Und wird deswegen mit allen Mitteln verteidigt.

Wenn nun eine Initiative wie Wikileaks sowohl über den Rohstoff Information, als auch über dessen Veredelung durch Verfizierung hin zum Gut Wissen/Wahrheit (immer innerhalb bestimmter subjektiver Kontexte, wie Martina Pickhardt richtig anmerkt) verfügt, dazu einen quasi unbegrenzten Zugang zu Speicherung und Vervielfältigung dieses Wissens (durch Digitalisierung) und vor allem zu Öffentlichkeit (durch das WWW) hat, wird dieser historische Unfall behoben. Und dass diese Zugänge unbegrenzt bzw. unbegrenzbar sind, zeigen die bisher hilflosen Versuche der internationalen Politik, Wikileaks den medialen Saft abzudrehen. Dass die Marionetten Amazon und PayPal Wikileaks (wohl auf politischen Druck hin) exkludieren, macht die Verzweiflung der politischen Klasse nur deutlicher. Man müsste schon das Internet als ganzes abschalten, aber dafür ist es, besorgten Stimmen zu einem Kill Switch der Amerikaner zum trotz, zu spät. Zu viel Unterstützung sammelt sich und spiegelt die Seite. Es wird ein Kampf gegen Windmühlen für die Don Quixotes unter den Regierungschefs. Und auch die aggressiven Angriffe auf Assange spielen nach den alten Regeln: Trenne dem Gegner den Kopf ab, und er stirbt. Der Gegner Evolution aber hat keinen Kopf. Oder wie der Economist schreibt: “Jailing Thomas Edison in 1890 would not have darkened the night.”

An sich darf man also optimistisch sein (Markus Breuer kommt zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen): Einmal geöffnet, wird diese Büchse der Pandora nicht wieder zu schließen sein. Man wird verhandeln, eine Grenze zwischen privaten und staatlichen Informationen ziehen müssen. Es wird, früher oder später, Opfer der neuen Transparenz geben, schwere Rückzugsgefechte innerhalb der auf Wissenautokratie basierenden Machtverhältnisse.

Aber es wird, unweigerlich, eine Annäherung der Wahrheiten geben. Die Schere zwischen Wissen und Unwissend in Bezug auf politisch relevante Informationen wird sich schließen. Das ist gut. Daran kann man sich festhalten.

Was mich dennoch betroffen und wütend macht, ist die spektakulär demonstrierte Diskrepanz zwischen dem, wozu sich Politiker und andere “führende” Menschen bekennen, worauf wir uns geeinigt haben und was als Grundlage so unentbehrlich ist: Demokratie. Freiheit. Oder weniger pathetisch: Fairness. Ehrlichkeit. Und ihren tatsächlichen Motivationen und Prinzipien.

Wenn ein Cem Özdemir neben ein bisschen Amerikakritik äußert, Wikileaks schade der Demokratie. Wenn sich ein Jeffrey T. Kuhner in der Washington Times fordert, Julian Assange als Terroristen und Staatsfeind zu ächten und folgerichtig umzubringen. Wenn Medien aller politischen Einstellung, Nationalität und Qualität primär negativ über Assange und Wikileaks berichten. Wenn die FDP ernsthaft darüber diskutiert, den petzenden Bürochef Metzner nicht zu feuern.Wenn ein Vergewaltigungsvorwurf (wider besseren Wissens?) konstruiert und aufrecht erhalten wird, um einen unliebsamen Gegner zu diskreditieren (über die möglicherweise intriganten Motive der Klägerinnen, Assange größtmöglichen Schaden zuzufügen, kann nur spekuliert werden). Wenn der französische Industrieminister Eric Besson Wikileaks offen den Kampf ansagt. Wenn kein einziger prominenter Politiker zu dem steht, was veröffentlicht wurde. Wenn kein prominenter Publizist sich traut, Wikileaks zu verteidigen. Wenn Assange gejagt und bedroht wird wie ein Gesetzesloser. Und niemand dazu Stellung nimmt. Wenn Politiker so tun, als hätte man ihnen Unrecht getan, wenn man ihre schmierigen Lästereien, ihre egoistischen Kabale veröffentlicht.

Dann erscheinen Demokratie und all diese ihr zugrunde liegenden Prinzipien als hässliche kleine Schwestern, die man nur fickt, um an die große Schwester Macht heranzukommen. Und die man sofort fallen lässt, wenn der eigene Zugang zur Macht bedroht ist. Das gilt für Politiker, Intellektuelle und Medien gleichermaßen.

Ich bin kein naiver Mensch. Ich bin nicht leicht zu verunsichern. Aber was sich unter dem Mantel des Schweigens verbirgt, den Wikileaks lüftet, oder eher: Was die jetzt Entblößten bereit sind zu tun, um die Zahnpasta der Wahrheit wieder in die Tube zurückzudrücken, macht aus der Realität einen Polit-Thriller.

Mit zu vielen vermeintlich starken Männern, oder besser: miesen Schweinen in den Hauptrollen.

14 Kommentare zu “Wikileaks und die starken Männer

  1. Ich kann Deinen Sätzen nur zustimmen und habe über einige Formulierungen gelacht. Es spricht mir aus dem Herzen. Es ist erschreckend: nicht die Versager bzgl. Politik, Höflichkeit und Diplomatie, etc. stellen sich in Frage oder werden in Frage gestellt, sondern derjenige, der die Mißstände öffentlich macht, kommt an den Pranger und ist plötzlich der Übeltäter, der zu beseitigende Schädling. Irgendwas läuft das schief im Denkschema dieser Leute. Beatrice

  2. GrmpyOldMan says:

    Ich möchte nur ganz nebenbei darauf hinweisen, dass die Washington Times nicht die Washington Post ist. Das sind zwei völlig verschiedene Welten (noch, zum Glück).

  3. fk says:

    Ach, danke für den Hinweis, hab´s geändert.

  4. fk says:

    Danke, Axel. Darauf gesondert einzugehen wäre nochmal einen Text wert, ich habe die Medien also nur kurz erwähnt.

    Gestern Abend habe ich übrigens ausgerechnet bei Spiegel TV einen recht ausgewogenen, wenn auch reißerisch-konspirativen Beitrag zu Assange und der Hexenjagd nach ihm gesehen. Vielleicht fühlt sich das Fernsehen weniger in seinem Sandkasten gestört als die Printmedien, die selten einmal ihre grundsätzlich kritische Haltung aufgeben und hinter die von den Regierenden ausgegebenen Parolen schauen.

  5. HecPac says:

    Danke für diesen wahren Text.

    Auch den hilflosen Versuch der Verratenen, die Zahnpasta zu handlen, sehe ich positiv. Mit ihren immer extremeren, maßlosen, rechtsbeugenden, aktionistischen Maßnahmen, sich ihrer ganzen Macht bedienend, verdeutlichen sie nur um so mehr, dass sie im Unrecht waren und sind. Man muß ihnen nur die Zeit lassen, sich selbst zu demaskieren. Die Möglichkeiten schaffen sie sich schon selbst. Licky Weaks.

    Ich bin immer wieder überrascht, welche Entwicklungen das Netz provoziert. Es wirkt im Nachhinein oft als mußte “das so” passieren. Wie eine zwangsläufige, folgerichtige Evolution, die sich nicht aufhalten, höchstens ein bisschen ablenken läßt.

  6. fk says:

    Danke und ja, als nächstes machen sich die Wirtschaftsakteure selbst zur Zielscheibe. Noch bevor Wikileaks sie angehen kann, stellen sie sich auf die Seite der Autoritäten. Auch hier spannend, wer sich wie demaskiert. Was machen wohl Google und Facebook, die Buhmänner der letzten Monate? Und was machen Unternehmen, wenn Wikileaks anfängt, ihre sensiblen Daten zu zu veröffentlichen?

    Dieser Eindruck des “musste so kommen” entsteht, wenn (künstliche) Knappheiten und darauf aufbauende historische Unfälle aufgelöst werden. Shirky zeigt das an vielen prägnanten Beispielen. Ich denke oft an die Telefonzelle: So lange es keine Handys, aber ein viel genutztes stationäres Telefonnetz gab, waren Telefonzellen sinnvoll, um die Verbindung zu diesem Netz anbieten zu können. Das Monopol, dass ich abgesehen von meinem stationären Anschluss nur über eine aufgesuchte Telefonzelle an das Gut “Telefonie” kam, war ein historischer Unfall. Kaum gibt es (billige) Handys, ist das Gut nicht mehr knapp. Und der historische Unfall Telefonzelle erübrigt sich, der auf dieser Knappheit fußt, erübrigt sich. Jeder kann überall telefonieren, ohne in komische, teure, ständig kaputte und vor allem rar gesäte Kabine steigen zu müssen. Es musste so kommen.

  7. [...] der hier spricht mir aus der Seele. Schlagwörter:wikileaks | Abgelegt in Allgemein,société [...]

  8. HecPac says:

    Ein gute Erklärung, warum “das so passieren mußte”, sehr einleuchtend!

    Mit dem “sich selbst demaskiert” bezog ich mich aber eher auf die aktuellen Geschehenisse: Aussenministerin fordert ihre Diplomaten auf, die Kreditkartennummern ihrer Kollegen zu klauen, Schweden (die galten mal als neutral) blamiert sich in vorauseilendem Gehorsam mit der Schmierenkomödie um den Haftbefehl bis auf die Knochen. Amazon und PayPal kicken “plötzlich” Wikileaks. Botschafter Murphy tobt seit anderthalb Wochen vor den von ihm Brüskierten ausschließlich darüber, dass seine Einschätzungen bekannt wurden.
    Je drastischer sie vorgehen, desto armseliger stehen sie da. Und ich erwarte noch einiges an “analogem” Muskelspiel der US-Administration.
    Mal sehen, wann sich die US-Regierung an “ihren” Root-Servern vergreift und ihren Einfluss auf die ICANN geltend macht.

    Das Wirtschaftsunternehmen bildlich gesprochen aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen, also mit ihren Geheimnissen selbst rausrücken bevor sie geleakt werden, kann ich mir noch nicht so recht vorstellen.
    Aber die Angst vor der drohenden Öffentlichkeit könnte eine andere, ehrlichere Unternehmenskultur fördern. Warten wir in dem Zusammenhang mal ab, welche Großbank uns Wikileaks als verspätetes Weihnachtsgeschenk Anfang des Jahres auf den Präsentierteller legt. (Ich tippe auf Morgan Stanley.)

    Google- und Facebook-Daten sind wegen ihrer schieren Masse wohl recht sicher vor einer Bloßstellung. Sonst würde ja das Internet platzen.

  9. Addliss says:

    Grundsätzlich d’accord, habe ja selbst einen Artikel dazu gewürdigt.

    Zwei kleine Anmerkungen hätte ich jedoch:

    Wenn kein einziger prominenter Politiker zu dem steht, was veröffentlicht wurde.

    Wie ist dies zu verstehen? Wie sollte ein Politiker zu den Veröffentlichungen “stehen”? Für mich nur insofern, dass Einflussnahme auf UN-Angehörige o.ä. genommen wird. Ich denke, viel wichtig ist auch, dass sie dazu stehen, dass z.B. Äußerungen über Westerwelle, Merkel etc. diplomatischer Alltag und völlig ok sind (finde ich zumindest). Zumindest würde ein solches internationales politisches System, das wir haben, nicht funktionieren.

    Meine zweite Anmerkung bezieht sich auf die drei Wahrheiten, von denen du sagst (wie Michalis Pantelouris), sie könnten sich stark annähern. Ich verstehe dich sogar so, dass du denkst, sie könnten sich irgendwann decken, aber das ist Interpretation.
    Ich bin überzeugt davon, dass die Wahrheiten sich nie decken können und auch immer eine signifikante Diskrepanz zwischen der privaten und der öffentlichen Wahrheit bestehen wird und bestehen muss. Das hat zwei epistemische Gründe: Einerseits selektiert das Individuum Informationen, was bedeutet, dass bestimmte Teile der Wahrheit wegfallen (und möglicherweise durch falsche Informationen oder Spekulation ersetzt werden). Zweitens muss der Privatmensch die öffentliche Wahrheit nicht als Wahrheit anerkennen, sondern sie in Zweifel ziehen. Daher wird sie nie deckungsgleich mit jener sein (gegeben sei eine Wahrscheinlichkeit nahe 1, dass jeder irgendeine öffentliche Wahrheit in Zweifel zieht).

    Dass interne und öffentliche Wahrheit in der Politik sich annähern, möchte ich gern akzeptieren, jedoch auch hier bezweifle ich die Möglichkeit einer starken Deckungsgleichheit. Da gibt es Wahrheiten, die zum Schutze gewisser Personen nicht öffentlich werden oder Wahrheiten, die einen bestimmten Informationslevel nicht überschreiten, d.h. im Sinne der Informationstheorie nicht aktuell genug, nicht relevant genug oder nicht genug neue Information enthalten (d.h. eine zu hohe Redundanz aufweisen). Diese werden möglicherweise nie Teil öffentlichen Wahrheit. Und auch hier nehme ich eine Wahrscheinlichkeit nahe 1 an, dass immer solche Wahrheiten existieren werden, die mindestens eine dieser beiden Bedingungen erfüllen (es mag noch mehr geben).

    Sorry für den langen und theoriegeladenen Kommentar, aber das fiel mir gerade dazu ein…

  10. fk says:

    Danke für die großartigen Kommentare!

    @HecPac: Ja, ich bin auch mal gespannt welche Unternehmen als erstes dran sind. Und denke freudig neugierig an mutmaßliche Krisenstäbe in Vorstandsetagen. Die werden sich gerade schöne Notfallpläne und informationelle Aufrüstung ausdenken, und nutzen wird es im Zweifelsfall nichts.

    Im Endeffekt ist es doch so: Jede Regierung und jedes Unternehmen besteht (das vergessen viele Kommentatoren leider ständig) aus Menschen. Und diese Menschen wissen, funktional bedingt, von Sachen, die Menschen außerhalb der Organisation nicht wissen sollen, weil ein Mitwissen den eigennützigen Zielen der Organisation schadet. Wenn die Leichen im Keller aber zu sehr stinken, und/oder ein Mensch innerhalb der Organisation unzufrieden ist, vielleicht doof gefeuert wird oder einfach keine Lust mehr auf schmierige Geheimnisse hat, dann geht er zu Wikileaks o.ä. und gibt preis, was er weiß. Wo Menschen Geheimnisse haben, ist “Verrat” immer nur eine Frage der Zeit und Opportunitäten. Man kann sich abschotten und Ausplauderer bestrafen, aber Geheimnisse sind immer implizit schon halb verraten. Und Wikileaks macht das verraten und verbreiten viel, viel leichter.

    Und dieser Wandel in der “Geheimniskultur und -ökonomie” wird vor keiner Organisation halt machen, weder vor der Regierung der USA noch Russlands noch vor Facebook oder Google. Wer sich vor Wikileaks schützen will, darf einfach keine Leichen im eigenen Keller akzeptieren.

    @adliss: Mit „dazu stehen“ meine ich, eine inhaltliche Aussage zu den Veröffentlichungen zu treffen. Kein „das ist doch irrelevant“, sondern „ja, das stimmt, das stimmt nicht, das ist deswegen und dieswegen geschehen.“ Zuviel gewünscht wären wohl grundsätzliche Auseinandersetzungen mit dem Thema, die über ein beleidigtes Gemeckere über das Internet und die Chaoten hinausgeht.
    Die FDP ist meines Wissens heute als erste Partei aus der Deckung gekommen und hat Wikileaks an sich als sinnvoll schützenswert im Sinne der Pressefreiheit (immerhin Grundgesetz!) bezeichnet: http://www.liberale.de/Es-ist-falsch-Wikileaks-mundtot-zu-machen/6618c11397i1p7/index.html

    Nein, ich meinte nicht, dass sich diese Wahrheiten jemals völlig kongruent decken. Denn es ist ganz richtig, was Du anführst: Subjektive Interpretation und danach Meinungsbildung und kontextuelle Einordnung verhindern das.

    Ein bisschen komplizierter und in Zukunft sicherlich diskussionswürdiger ist der Punkt des Schutzes von Personen bzw. der deswegen geheimen Informationen. Genau hier muss neu verhandelt werden, und zwar nicht nur was Individuen angeht, sondern auch juristische Personen. Bisher war klar geregelt, welche Informationen eine Organisation preis geben musste (bspw. Haushaltsberichte oder Bilanzen). Sie bildeten die Ausnahmen. Und eine riesige Grauzone an Informationen wurde umkämpft, die zwar nicht aus der Organisation herausgetragen werden dürfen (wie jetzt die diplomatischen Kabel), aber grundsätzlich, einmal auf dem freien Informationsmarkt, hochgradig relevant sind. Hier braucht es quasi einen Datenschutz für Organisationen. Eine klare Linie, die sagt: Bis hierhin sollte ein Volk über seine Regierung sowie der Konsument über ein Unternehmen Bescheid wissen. Und der Rest ist geheim und soll es auch bleiben. Die zu veröffentlichende Schnittmenge wird eben die Masse an Informationen sein, die für den externen Akteur bezüglich seiner Interaktionen mit der Organisationen oder deren internen Akteuren interessant ist. Geheim soll bleiben, was diesbezüglich nicht relevant ist oder die konsensfähige Arbeit der Organisation massiv behindert. Und nicht, wie bisher, was eigennützige Ziele der Organisation behindert oder schlichtweg nur peinlich ist.

    Die Frage der Redundanz und Relevanz im Sinne einer Berichterstattung ist eine Frage funktionierender Selektionsmechanismen. Aus der überwältigenden Masse an Informationen müssen eben die relevanten gefiltert werden. Dazu werden sich die brauchbarsten Wege von alleine finden. Im Moment filtert Wikileaks und ihre Medienpartner. Ich bin mir sicher, dass sich in einem zu erwartenden Markt von Wikileakern diejenigen durchsetzen, die am sinnvollsten selektieren bzw. deren Medienpartner dies tun. Oder eben wieder Medien, die die Archive von Wikileakern durcharbeiten, die gar nicht selektieren wollen.

  11. fk says:

    Jetzt auch mit Rückgrat:

    Die UN-Kommissarin für Menschenrechte Navanethem Pillay äußert Besorgnis über die Methoden, die gegen Wikileaks eingesetzt werden: http://www.netzpolitik.org/2010/wikileaks-un-kommissarin-f-menschenrechte-positioniert-sich/

  12. Es ist schon komisch still geworden um Wikileaks und Julian Assange. Könnte natürlich auch sein, dass da im Hintergrund einge Deals abgelaufen sind. Geld, Straffreiheit bei der Vergewaltigungsgeschichte, einen gewissen Status, wie ihn nur Staaten verleihen können, wer weiss? Immerhin fällt auf, dass nach dem anfänglichen weltweiten Hype, der seinesgleichen suchte, mittlerweile gegen Null tendiert. Grüße aus Berlin

  13. fk says:

    Ja, komisch einerseits, andererseits nach der Hysterie Ende des Jahres auch nur logisch, oder?

    Wir bleiben gespannt.

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