Endlich! Ich bin ja total froh, dass ich nach gefühlten 50 Bewerbungen und zig Vorstellungsgesprächen finally eine feste Zusage in der Tasche habe. Noch eine Jobmesse und ich wäre echt durchgedreht! Immer dieses oberflächliche Händeschütteln, schön den Lebenslauf verteilen, guten Eindruck machen, echt nerdy. Ich war ja jetzt lange genug stolzes Mitglied der Generation Praktikum, und das lockere Studentenleben war auch echt verrückt und voll relaxed und so, aber jetzt möchte ich auch einfach mal ein bisschen Sicherheit und Verantwortung und wissen, was mich erwartet. Klar, der Job ist jetzt nicht allererste Sahne, kein Traumjob oder sowas. Wenn mir einer vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich mal ausgerechnet bei diesem Kapitalistenladen landen werde… schon irgendwie strange. Aber mir geht es jetzt nicht mehr um Idealismus oder sowas, vor allem seit Papa den Geldhahn zugedreht hat, da hat man dann auch schon Druck. Und irgendwie wird man ja auch langsam älter und will sich auch mal was gönnen und vor allem will ich aus der WG raus, bin ja kein Teeny mehr. Bald hab ich ja schon wieder Burzeltag und dann geht es aber steil auf die böse 30 zu. Da wird es auch Zeit für einen richtigen Job, man kann ja nicht ewig kellnern und von einem Praktikum zum nächsten oder so.
Der Tobi hat zwar gleich gemeint, ich wäre ja jetzt im Endeffekt ein besserer Schrottverkäufer, aber Schrott finde ich jetzt ein bisschen übertrieben. Ich steh vielleicht nicht hundertprozentig hinter dem Produkt an sich, aber die Firma so als Gemeinschaft ist glaub ich echt ganz nice. Es könnte jedenfalls echt schlimmer sein, immerhin verkaufen wir keine Pornos oder Fußbälle aus Kinderarbeit oder so. Und wer kann denn wirklich was machen, von dem er voll und ganz überzeugt ist? Kompromisse gehören halt zum Erwachsenwerden dazu, oder, kann ja schließlich nicht jeder bei Apple arbeiten! Außerdem hat der Tobi auch echt keine Ahnung vom Marketing und was man da alles können muss und selber ja auch noch echt gar nix auf die Reihe gekriegt, also kann der mal schön ruhig sein und seinen Neid bitte nicht an mir auslassen, sorry, aber dafür entschuldig ich mich jetzt nicht, auf so Miesmacher kann ich echt verzichten. Get real, Alter, es ist doch inzwischen voll wichtig, grade heutzutage von wegen Krise und so, erstmal einen sicheren Ausgangspunkt zu haben, eine homebase. Jeden Monat dieser Bammel wegen der nächsten Miete und so weiter, das muss echt nicht mehr sein. Versteh mich nicht falsch, ich habe immer noch Träume und das mit der Weltreise noch nicht aufgegeben, around the world und so. Skandinavien steht weiter ganz oben auf der To-Do-Liste, Mittelamerika, bisschen surfen, einfach mal komplett raus aus Deutschland und dem ganzen Scheiss, einfach so richtig frei sein, das will ich immer noch machen. Ich mutiere ja jetzt nicht schlagartig zum Langweiler, nur weil ich bisschen Geld verdiene, am Wochenende lassen wir es sicher noch krachen, unter der Woche halt eher mal gepflegt ein Bierchen trinken, ganz easy. Aber jetzt zählt für mich primär einfach die erste feste Anstellung, da muss man sich auch mal festlegen und zurückstecken können. Noch eine Lücke im Lebenslauf könnte ich nicht mehr erklären, das stand auch in der Neon, da schauen Personaler nämlich drauf, und wirklich wohl habe ich mich ja in letzter Zeit auch nicht gefühlt, so zwischen Stuhl und Angel und immer am überlegen, was ich als nächstes machen soll und was ich eigentlich will.
Außerdem passieren bei uns auch total spannende Sachen und mein erstes eigenes Projekt habe ich schon in Aussicht gestellt bekommen, die wollen jetzt auch so einen Blog aufziehen, so richtig mit schreiben und Fotos und mal einem längeren Bericht, und da habe ich gleich gesagt, das könnte ich mir schon vorstellen, ich hab zwar jetzt nicht so richtig Ahnung von sowas, aber Internet ist halt heute einfach obligatorisch, das muss sein, und die Marke ist ja an sich auch noch jung und hat genug credibility, glaube ich, da kann man sicher was machen, wenn man sich reinhängt, denke ich. Voll crazy, ich kann mir das vom Bauchgefühl her grad noch gar nicht richtig vorstellen, ich jeden Tag voll spießig im Büro mit den Kollegen und so, aber ich freu mich auf die Aufgabe und suche die Herausforderung, naja, jedenfalls habe ich das meinem Chef gesagt. Und bei dem muss ich ja jetzt erstmal punkten. Wird schon kein Ungeheuer sein, der Typ hat mich immerhin eingestellt, und ich kann ja an sich gut mit Menschen.
Noch dazu hab ich ja die Stelle hier direkt in der Stadt bekommen, andere pendeln in die Pampa und ich kann zur Arbeit radeln, das ist auch voll angenehm und sozusagen mein tägliches Sportprogramm. Ich finde, man darf über dem ganzen Ehrgeiz nicht die Lebensqualität vergessen und muss auch mal realistisch sein, kann ja jetzt nicht jeder gleich voll straight die Karriereleiter hochfallen. Voll viele Leute von früher wissen immer noch nicht, was sie eigentlich machen wollen, geschweige denn wo und wie. Und so ein ewiger Chiller wie der Tobi will ich nicht werden, da ist der Job jetzt eben der Startschuss. Die Welt kann ich da zwar nicht verändern, aber ordentliches Geld und nette Kollegen sind doch auch was wert. Ich mein, das Leben ist damit jetzt nicht zu Ende, oder?
Doch!
:)
Schöner Text. Den würde ich gerne mal als Podcast hören!
Danke! Podcast wäre natürlich voll 2.0ig ;). Ich kann ja mal was einsingen…
Ich hab den Text auch gelesen. Ganz. Und verstanden habe ich ihn auch. Und gut fand ich ihn auch. Ernsthaft. Echt nice.
Torsten, danke! Gerne weitersagen und so…
Wow, richtig toll! Vor allem der Schreibfluss ist beeindruckend. Und herzlichen Glückwunsch zum neuen Job. Endlich machste mal was aus Deinem Leben ;-)
Thomas, danke, aber ich hoffe doch, dass die Ironie rausgekommen ist? Und dass Verfasser ungleich Erzähler und so?
So oder so: schön, wenn´s gefällt.
Wie jetzt?! …
:-)