“Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist. Wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit; denn nur wenn man allein ist, ist man frei!” - Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818
Plötzlich stand ich im Wald. Nicht metaphorisch gesprochen, sondern wirklich in tiefster Flora. Ich war gelaufen, immer weg vom Asphalt, immer dem kleinsten Weg folgend. Und dabei ins Denken gekommen, die Zeit vergessend. Als ich mich das erste Mal bewusst umschaute, sah ich um mich herum nur noch Bäume. Keine Anzeichen von anderen Menschen. Es war eine vertraute Umgebung, ich war hier aufgewachsen, ich hatte mich nicht verlaufen, und trotzdem schoss es mir durch den Kopf: Alleine. Niemand da. Was für ein seltsames, seltenes Gefühl, dachte ich bei mir. Überraschend und irritierend wie Schnee im August. Ich schaute auf meinen Arm, das einzige Stück Mensch in meinem Blickfeld. Ich fragte mich: Wann war ich das letzte Mal wirklich alleine?
Neulich, in einem Restaurant, hießen die Menüs je nach Personenzahl: Einsam, Zweisam oder Dreisam. Ich fragte mich, ob wirklich jemals jemand alleine dort essen ging und sagte: “Ich hätte gerne einmal Einsam bitte, und das zweite Gedeck können Sie mitnehmen, danke!” Alleine zu sein, vielleicht auch einsam, ohne aber darunter zu leiden, ist heute nicht normal. Chronische Singles gelten als chronisch beziehungsunfähig oder krankhaft polygam. Auf jeden Topf ein Deckel ist ein Grundgesetz. Ich sehe die Anzeigen in den Magazinen und die TV-Spots vor mir: Jemand wartet auf Sie. Wer niemanden hat, nimmt eine Dienstleistung in Anspruch, damit er nicht länger alleine sein muss. Eins + eins = zwei. Es wird Zeit, dass sich die Wege kreuzen.
Wie ich da so alleine im Wald stehe und über Menünamen und Partnervermittlungen nachdenke und mir wunderlich vorkomme, merke ich, wie gut mir diese kurze Zeit der absoluten Einsamkeit tut. Wie frei meine Gedanken werden. Wie Recht der alte Schopenhauer hatte, wenn er Freiheit und Einsamkeit verbindet. Dass vollkommene Gemütsruhe nur in der Einsamkeit zu finden ist. Und dass diese Ruhe mir in kleinen Dosen ausreicht. Ich denke naseweis: Jeder sollte ab und zu in den Wald gehen, sich abkapseln und isolieren und mit sich selbst wunderlich sein. Und wenn nur, um wie ich zu erkennen, dass mich die Einsamkeit wirklich frei macht, und dass mir diese Freiheit andere Menschen und ihre Stimulationen empfiehlt. Dass es Menschen gibt, die ich niemals missen möchte. Dass ich mit ihnen großes Glück habe. Mitten im Wald werde ich frei und lerne dabei wieder zu schätzen, was ich verwöhnter Bengel als gegeben hingenommen habe. Dann gehe ich zurück.
Mehr Bilder hier und beim Photographen Randy P. Martin selbst.








ich bin grad für ein paar monate in finnland… hier gibts ziemlich viel wald, und ja, an der sache mit der heilsamen einsamkeit im wald ist was dran, das ist hier sowas wie ein volkssport