Vorspann: Ich lese gerne gute Sachen. Und getreu dem Motto “Sharing is Caring” teile ich in unregelmäßiger Frequenz, was ich in letzter Zeit so an Büchern konsumiert habe. Mit Links zu ausführlicheren Rezensionen (im Text) und zu Amazon (via der Bilder). Weil ich Amazon- und Rezension-Fan bin. Und gerne die Elke Heidenreich des Internet werden möchte. Oder so ähnlich. Also los:
Ein typischer Fall von musste irgendwie mal lesen war für mich das dirty Spätwerk des Godfathers of German Literature Martin Walser. Das wird ja gerne als schlüpfrige Altherrenprosa hingestellt, und dessen wollte ich mich dann doch selber überzeugen. Denn irgendwann bin ich wahrscheinlich auch mal alt. Also las ich (von meinem Vater (!) subventioniert) Angstblüte und Der Augenblick der Liebe.
Walser wäre nicht Walser, wenn er dem Leser nicht gelegentlich sehr viel Metaebene, Gedankenschwirren und sprachliche Wollust zumuten würde. Aber er ist eben auch gleichzeitig ein begnadeter, stilsicherer Erzähler. Und wenn er Lust hat, von Männern im dritten Frühling und ihrem Hadern mit dem Alter und den damit einhergehenden körperlichen Entmachtungen zu erzählen, kann er das vortrefflich. Und wann liest man schonmal wirklich gute Literatur, die durch ihre Alterlastigkeit wie ein Jungbrunnen wirkt?
Fazit: Ähnlich wie Sex im Alter – kann, muss aber nicht.
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Vom genialischen David Foster Wallace habe ich nun die zwei Kurzgeschichtensammlungen Vergessenheit und Kleines Mädchen mit komischen Haaren sowie zuletzt seinen Debütroman Der Besen im System gelesen. Der vielbesungene Schinken Unendlicher Spaß steht im Regal und heizt mein Zimmer mit Vorfreude, hat mir doch bisher alles extrem gut gefallen, was Foster Wallace geschrieben hat. Vor allem der Roman, eine Achterbahnfahrt voller Sonderlinge, Neurosen und menschlicher loser Enden, vibriert vor Erzählkraft und Lust an der wohlgesetzten Übertreibung. Darin geht eine Uroma aus einem Seniorenheim stiften, mitsamt der halben Belegschaft, und möglicherweise hat das mit diversen dubiosen Entwicklungen im Umfeld der Hauptfigur, ihrer Urenkelin, zu tun. Welche genauso spinnt wie ihr Chef und Freund und eigentlich alle Protagonisten. Und leider auch Foster Wallace, der sich das Leben nahm. Ein Jammer.
Fazit: Je nach Gusto erst die Kurzgeschichten oder den Roman lesen. Aber definitiv lesen!
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Bezüglich des neuen Buches des amerikanischen Internetvordenkers Clay Shirky war ich voreingenommen. Ich halte ihn nämlich spätestens seit seinem Buch Here Comes Everybody (über Kollaboration mittels vernetzter Medien) und diverser erleuchtender Talks für einen der ganz wenigen wirklich guten Publizisten auf diesem Gebiet. Ein eloquenter Eierkopf, dessen scharfsinnige Analysen niemals vor lieb gewonnenen Überzeugungen und intellektuellen Sakramenten halt machen. Einer, der Dinge durchdenkt und auf den Punkt bringt, an denen andere schlaue Menschen massenweise scheitern. So ist auch sein neues Buch Cognitive Surplus: Creativity and Generosity in a connected age ein Feuerwerk aus überzeugenden Argumentationen, präzisen Beobachtungen und der typischen Prise Selbstironie, die Shirky davor bewahrt, ins Pathos abzurutschen. Seine Beispiele sind prägnant und bunt (Fernsehen ist für das 20. Jahrhundert das, was Gin für das 18. war), seine Selbstbedienung im Gemischtwarenladen der soziologischen, psychologischen und ökonomischen Forschung immer transparent und stringent. Seine Hauptthese: Dank wachsender Freizeit, Selbstverwirklichungsdrang und vor allem kommunikationstechnologischer Mittel (und der damit verbundenen Beseitigung historischer Unfälle wie dem oligarchischen Publizieren) können viele Menschen heute einiges zum Guten bewegen. Und zwar in ihrer Freizeit (statt Fernsehen). Man muss ihnen nur die Möglichkeiten im Netz aufzeigen. Und die richtigen Bücher lesen.
Fazit: Eigentlich ein Muss für Menschen, die was mit Medien machen. Streiche das eigentlich.
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Die Deutsche Kulturgeschichte von Axel Schildt und Detlef Siegfried zu empfehlen ist ein bisschen ein Show-Off (“schaut mal her, was für bohemianistische Nachschlagewerke ich so nebenher noch durchpflüge”). Aber es ist wirklich ein großartiges Buch, das die (west-)deutsche Nachkriegskulturgeschichte chronologisch aufrollt und präzise dokumentiert. Man bzw. ein recht unbeschlagener Leser wie ich lernt auf jeder Seite einiges an angeberischem Partywissen (“Der Deutsche Schlager ist von Geburt an ein revisionistisches Genre gewesen”). Und schließt Wissenslücken in Richtung Entnazifizierung des Kulturbetriebs (nicht geschehen), deutsche 68er-Bewegung (bunt) und die Anfänge der Informationstechnologie in der BRD(schleppend).
Fazit: Ich habe das erste Drittel linear weggelesen und picke jetzt raus. Und das macht großen Spaß.
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Nicht wirklich warm geworden bin ich hingegen mit Alberto Manguels Alle Menschen lügen, das ich allein wegen des Titels kaufen musste. Von der Welle argentinischer (Exil-)Literatur zur Buchmesse nach oben gespült, hält das Buch zumindest auf den ersten 50 Seiten nicht, was es verspricht. Ein Erzähler berichtet von einem inzwischen verstorbenen Freund aus Madrilenischen Exilantentagen, so schleppend und bemüht geheimnisvoll, dass bei mir wenig hängen geblieben ist.
Fazit: Bekommt eine zweite Chance, irgendwann.
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Als nächstes stehen an: Die Nachhollektüre von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, der besagte Unendliche Spaß und Kristof Magnussons Finanzkrisen-Roman Das war ich nicht. Empfehlungen und Beleidigungen auf Grund drastischer Geschmacksunterschiede sind immer gerne gelesen!

Bedankt für die Tipps. Den Wallace werd’ ich mir zu Weihnachten schenken.
Übrigens, wenn Dir Amerikaner gefallen, könnte ich mir vorstellen, dass Dir John Updike gefällt. Kennst Du den schon? Wenn nein, lies mal die Rabbit-Romane.
Macht süchtig – versprochen!
Gerne. Irgendein Literaturwissenschaftler hat neulich behauptet, Romane wie der Unendliche Spaß werden nur gekauft nicht gelesen (finde den Link nicht mehr). Wir treten den Gegenbeweis an.
John Updike kenne ich, Terrorist von ihm fand ich ganz okay, aber das lag zuerst am Thema. Die Rabbit-Sachen kenne ich also nicht, danke für den Hinweis.