EDIT: Inzwischen wurde ich von Marcus Richter für Trackback, die Internetsendung des Jugendradios Fritz (RBB), zu diesem Post und der darin kritisierten Kampagne interviewt.
Neulich in der Fußgängerzone brachte mich ein großes Plakat erst zum Lachen, dann zum Kopfschütteln. Es zeigte folgendes Motiv (was ich online nur als Screenshot finden konnte):
Es ist Teil einer Kampagne der Drogenhilfe Köln, welche unter der Adresse www.websucht.info über selbige informieren möchte. Dabei ist zu bemerken, dass die Seite (analog zur Anzeige) wirklich intelligent im Windows-Desktop-Stil gestaltet wurde, wahrscheinlich um älteren Usern (vornehmlich der angesprochenen Zielgruppe der Eltern) die Navigation durch eine bekannte Optik zu erleichtern. Toll.
Schlimmer Unsinn sind hingegen die Printmotive und deren Botschaft. Gerade junge Frauen bzw. Mädchen, so weiß es jede Statistik von hier bis nach Kiel, nennen als Internettätigkeiten am häufigsten soziale Interaktionen. Kurzes Zitat von einer Seite des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs): “Am beliebtesten bei Jugendlichen sind die verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten im Netz. Ganz vorne liegt der Austausch via Instant Messenger, nämlich bei 72 Prozent. Am zweitbeliebtesten ist die Kommunikation über E-Mail (60%). In Chatrooms halten sich 30% am liebsten auf.” Oder als aussagekräftige Grafik (Screenshots aus der JIM-Studie 2009), gerade auch im Vergleich zwischen den Geschlechtern und zu den “bösen”, weil suchtgefährlichen Spielen, in denen wiederum kommuniziert wird (s. Motiv unten):
Was jedoch die Drogenhelfer nicht davon abhält, ein sich mit PC-Kabeln strangulierendes, ungesund aussehendes Mädchen zu zeigen, welches sich gegen ihre Freunde und für den Computer entschieden haben. Welche eindimensionale, in Zeiten von Sozialen Netzwerken und Web 2.0 (Schlagworte, mit denen eben viel mehr um sich geworfen als reflektiert wird) überholte Denkweise vom Computer als Isolationsmedium dahinter steht, ist für eine liberale, jungdynamische Beratungsstelle, die ihre Klienten und deren Lebenswelt eigentlich besser kennen sollte, schlichtweg peinlich. Oder wird bei der Drogenhilfe auch noch die Mär vom einmalig süchtig machenden Kokainkonsum, von LSD-Dealern an der Grundschule und von Haschisch als gefährlicher Einstiegsdroge erzählt? Und es geht weiter gefährlichen Vereinfachungen: Das zweite Motiv der Kampagne zielt dann auf einen stereotypen männlichen Jugendlichen ab, der sein fahles Gesicht riskant nahe an das böse Monster hält, das auf dem Bildschirm mit seinem Leben spielt.
Auch hier verkennt die Schlagrichtung das Wesen von sog. Multi-Player-Games, die u.a. genau davon leben, was die Anzeige als Defizit anprangert: Soziale Interaktion. Natürlich gibt es, wie bei allen anderen lustigen Freizeitbeschäftigungen, gewisse Gefahrenpotenziale. Man kann alles übertreiben, auch World of Warcraft, das hat die jüngst hier in Köln abgehaltene Gamescom und die Horden blasser Nerds, die verirrt durch die allzu reale Innenstadt streiften, mir persönlich erneut aufgezeigt. Nach mehr oder weniger ernstzunehmenden Studien seien bis zu 10 % der Jugendlichen suchtgefährdet. Diese Zahlen beziehen sich vor allem auf Abhängigkeit bezüglich Chats u.ä., also vornehmlich vermittelter one-to-one-Kommunikation. Ob auch der gemeine Kaffeeklatsch kritisch untersucht wurde? 60% meines weiblichen sozialen Umfelds wären akut suchtgefährdet, schätze ich. Mache ich aber nicht, weil Quatsch. Wenn beim Thema PC/Internet jedoch wie so oft einiges in einen Topf geworfen, kräftig umgerührt und an (vermutlich für eine kritische Reflektion nicht ausreichend informierte) Erziehungsberechtigte ausgeschüttet wird, kommt hinten eine schöne Soße Nonsens raus, die bei Eltern alles mögliche auslöst, aber keine kompetente Auseinandersetzung mit der (oder gar Empathie für die) digitalen Mediennutzung ihrer Kinder.
Glücklicherweise jedoch gibt die Websuchthilfe kompetente Tipps (“Informieren Sie sich, womit Ihr Kind die Zeit am Computer verbringt. Lassen Sie sich zeigen und erklären, was an der virtuellen Welt so faszinierend ist.”) und eine obligatorische Checkliste, ab wann das arme Kind Online-süchtig ist. Wobei nicht wirklich zwischen PC-Nutzung und Online-Zeit differenziert wird. Das würde die simple Aufzählung wohl nur unnötig verkomplizieren:
- Freundschaften und Kontakte werden überwiegend online gepflegt.
- Die Vorstellung offline zu sein, verursacht eine gereizte, nervöse und aggressive Stimmung.
- Spielen, Surfen oder Chatten im Internet sind nahezu fast die einzigen Aktivitäten, die noch wirklich Spaß machen.
- Aufgrund der vielen Zeit am PC, kommt es zu Konflikten, Ärger oder Streit in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Schule.
- Mindestens 5 Stunden der Freizeit werden täglich am PC verbracht.
- Die Onlinezeiten werden immer länger.
- Die Stimmung verbessert sich schlagartig, wenn man wieder online gehen kann.
Wenn 2 Kriterien zutreffen, kann von einer Gefährdung bis hin zur Online-Sucht ausgegangen werden.
Fazit? Ich bin hochgradig suchtgefährdet. Und die Drogenhilfe Köln hochgradig hilflos.




Ich bin auch süchtig…
Lass uns lieber eine Selbsthilfegruppe bei Facebook gründen und über unsere Probleme diskutieren ^-^
Paulchen, Ich würde dir sehr gerne auf Deinen Kommentar antworten, aber ich glaube das ist suchttechnisch schon zu riskant. Nicht, dass sich noch eine längerfristige Kommunikation daraus entwickelt!
Oh nein, verdammt jetzt musste ich ja nachschauen ob es kommentiert wurde…
TEUFELSKREIS!!! >:(
Es ist eben ein diabolisches Medium.
[...] lese: Neuer Anlauf: Die Rückkehr der Internetpioniere, Big Pimpin’, finding munich, Computer oder Freunde, die Frage ist gestellt. und ‘Ich’ ist ein anderer. Weil ich immer wieder gefragt werde was ich mit meiner vielen Zeit [...]
[...] Computer oder Freunde, die Frage ist gestellt. Ich bin suchtgefährdet. Und die Drogenhilfe Köln Mainz hochgradig hilflos. [...]
[...] original post here: Computer oder Freunde, die Frage ist gestellt. » alright, okee! Share and [...]
[...] ein Sammelsurium aus all den Pauschalaussagen und Plattitüden, die man so rund ums Internet hört: Vereinsamung und Realitätsverlust der Menschen; Nährboden für Kriminelle, Terroristen und Pädophile; [...]
Mir sind die Plakate auch aufgefallen. Danke, dass du recherchiert und gebloggt hast!
Oh, wo gibt’s denn die schicke Kabelkette zu kaufen? Würde gut zu den USB-Schnittstellen passen, die sich gemächlich an meinen blassen Schläfenlappen auszubilden scheinen…
Danke dafür.
niemand von uns ist websüchtig.
.~.
[...] Karig über die Werbekampagne der Drogenhilfe Köln zur Internetsucht. $Name verbringt mehr Zeit am [...]
Vielelicht sollte die Gegenkampagen heißen: “Sophie vebringt online mehr Zeit mit ihren Freunden als ihre Eltern in der Kneipe.” ;-)
@dontpanic: Hauptsache der Stil wird konsequent beibehalten.
@dot tilde dot: Naja…
@ CBS: Hm, das wäre was für unsere Freunde von der kreativen Klasse… gute Idee.
Okay, noch mal, ich war schon ganz “webtrunken”… Die Gegenkampagen sollte natürlich heißen: “Sophie vebringt weniger Zeit online mit ihren Freunden als ihre Eltern in der Kneipe.”;-)
Vielleicht sollte es lieber heißen: “Sophie verbringt mehr Zeit am Computer als DRAUSSEN”. Dann wäre es aber sicher nicht ganz so wirkungsvoll, aber ich denke so ist es gemeint.
Verbringe selbst jeden Tag 8-10 Stunden am Rechner (Arbeit + Privat), gut finde ich das nicht. Für meine Kinder möchte ich es auch nicht unbedingt. Wenn ich letzten Winter gesehen habe, wieviel Kid’s lieber vor’m Rechner sitzen als Schlitten zu fahren, da wird es einem ganz anders. Irgendwo ist schon was Wahres dran, das man krank wird, wenn man zu viel vor’m Rechner sitzt. Später werden wir’s merken.
Hm, “draußen” ist halt auch schon wieder sehr allgemein. Wenn Sophie jetzt drinnen am Schreibtisch sitzt und lernt? Nicht gut? Gut, aber nur, wenn es eine Lerngruppe ist?
Das ist mir halt alles immer zu undifferenziert. Computer = Isolation.
Aber Du hast recht, es schadet nix, gerade jungen Menschen, sich die Hörner ein bisschen in echt abzustoßen.
Stimmt auch wieder. Dann halt so:
“Sophie verbringt mehr Zeit am Computer als WOANDERS” :-)
Nee, im Ernst: Es geht doch nur um den Vergleich. Die Leute sollen angesprochen und “aufgerüttelt” werden. Ich denke man darf das nicht so verbissen sehen. Wir lieben das Web, und bißchen süchtig sind wir sicher alle ;-) Ich jedenfalls schon, ich gebs zu. Wobei mir 3 Wochen Urlaub ohne auch nix ausmachen – im Gegenteil.
Da hast Du Recht, nur leider wendet sich die Kampagne recht eindeutig an Menschen, die das nicht so wie du einschätzen können. Die sich von sowas nicht wachrütteln, sondern beängstigen lassen. Und wonach man genau süchtig ist, wenn man viel online ist, ist auch nochmal eine ganz andere Frage… da gehen die Vorlieben ja auch auseinander ;).
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Über das Plakat habe ich auch schon einmal vor über einem Jahr geschrieben. Echt albern!
@fk
Glückwunsch zum Fritz-Interview, ist gut rübergekommen.
Danke Drikkes, hab das Plakat letzte Woche zum ersten Mal gesehen, aber interessant, dass es die Kampagne schon so lange gibt. Hattest Du die Verantwortlichen mal kontaktiert?